über den neuen Papst
03/15/2013

Ein Bischof der Armen als Papst ein Armer

Franziskus hat alles, um Rom ein glaubwürdigeres Gesicht zu geben. Mehr Spuren wird er nur hinterlassen, wenn er das Vermächtnis eines Mitbruders einlöst.

von Josef Votzi

Der Niedergang der katholischen Kirche in Europa lässt sich aber vom frömmsten Papst nicht allein wegbeten

Josef Votzi | über den neuen Papst

Bevor Jorge Mario Bergoglio auf den Balkon des Petersdoms trat, um sich der Welt als Papst Franziskus zu präsentieren, griff er zum Telefon. Sein Vorgänger Joseph Ratzinger wartete in Castel Gandolfo wie Millionen andere Zuseher vorm TV-Schirm auf das erlösende Rauchzeichen. Er sollte noch vor der wartenden Menge am Petersplatz erfahren, wem der weiße Rauch galt. Der neue Papst hat offenbar einen Sinn für richtig gesetzte Gesten. Denn auch am Anfang der überraschenden Wahl des Lateinamerikaners stand eine Sensation. Der Stuhl Petri ist nicht, wie seit Jahrhunderten, durch Tod vakant geworden. Der 85-jährige Benedikt XVI. trat ausgebrannt zurück: Ermüdet an den Intrigen und ungelösten inneren Widersprüchen seiner Kirche.

Zurück bleiben: Die Verwerfungen nach „VatiLeaks“ in der römischen Kurie; die Tausenden ominösen Konten der Vatikanbank; der existenzbedrohliche Priestermangel – samt zunehmender Unzufriedenheit des katholischen Bodenpersonals, das im „Pfarreraufstand“ ein weit über Österreich hinausgehendes Ventil gefunden hat. Ratzingers Pontifikat ist von Anfang an am mangelnden Willen, dem allen Herr werden zu wollen, gescheitert. Als mit „VatiLeaks“ ein Befreiungsschlag unvermeidlich wurde, fehlte dem Schöngeist die Kraft.

Sein Nachfolger scheint aus einem anderen Holz geschnitzt. Alle, die ihn gut kennen, beschreiben Franziskus als einen Mann der Tat – und einen, wie sein erster sympathischer Auftritt am Balkon zeigt, der klare Signale zu setzen weiß. Bergoglio, sagen Wegbegleiter, wird alles tun, dass weniger von Skandalen und Baustellen im Vatikan die Rede ist. Er wird vielmehr lieber die Skandale und Sünden der profanen Welt ins Visier nehmen. Nach diesem Muster hatte er sich als Freund der alleingelassenen Armen und der geschundenen Umwelt weit über seine Diözese Buenos Aires hinaus einen Namen gemacht.

Martinis letzte Mahnung

Die vielen offenen Fragen im eigenen Kirchenhaus wird er so nicht aus der Welt schaffen, aber kurzfristig in den Hintergrund drängen können. Nüchtern konzernpolitisch betrachtet, ist den 115 Kardinälen mit der Kür Bergoglios strategisch etwas gelungen: Südamerika ist mit 500 Millionen Katholiken der wichtigste Heimmarkt der Kirche; aber auch der am meistem umkämpfte, weil ihr hier „Freikirchen“ und Evangelikale am heftigsten Konkurrenz machen. Franziskus könnte der Kirche so ein bescheideneres und glaubwürdigeres Gesicht geben – und profan betrachtet die ramponierte Marke neu aufladen.

Der Niedergang der katholischen Kirche in Europa lässt sich aber vom frömmsten Papst nicht allein wegbeten. Dazu bräuchte es jene Reformen an Haupt und Gliedern, die ein anderer „papabile“ Jesuit im Kardinalspurpur, der Mailander Carlo Maria Martini, im Vorjahr knapp vor seinem Tod so deutlich angesprochen hat wie niemand zuvor: „Die Kirche ist 200 Jahre hinter ihrer Zeit. Warum wachen wir nicht auf? Wovor haben wir Angst?“

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