wunder WELT: Stilles Vergnügen

wunder WELT: Stilles Vergnügen © Bild: KURIER/Christandl

Joachim Lottmann über den Prater in der kalten Jahreszeit.

An Weihnachten kommen die Kinder, die noch in Berlin zur Schule gehen. Wir testen schon mal den Prater, der ist gleich um die Ecke. Aber das Riesenrad steht still! Weil niemand da ist, der fahren will bei Nebel. Gespenstisch funkeln die alten, längst verbotenen Glühbirnen. Einmal dreht es sich dann doch, bleibt aber bald wieder stehen. Ein paar Asiaten fotografieren es, durch den Nebel hindurch. Kaum ein Sterblicher ist auf den Beinen, schon gar keine Kinder. Drei frierende Frauen sehen gar nicht mehr reizend aus. Im Kassa-Häuschen bibbern sich zwei dicke Männer mit Papier-Schirmmützen schier zu Tode. Ein diabolisch lachender mittelalterlicher Clown lockt auf Plakaten zum Glücksspiel. EC-Automaten und Wettbüros haben geöffnet. Auch das Las Vegas und die Go-Kart-Bahn. Phil Collins dröhnt hier, als gäbe es kein Morgen. Zeitlose Rummel- und Hitparadenmusik, zu der sonst junge Burschen betrunkene Mädel aufreißen. Jetzt rattert nur noch der Generator und lässt die Anlage verrückt blinken und blitzen. Dagegen ragt die lebensgefährliche Berg- und Tal-Bahn schwarz in den Himmel wie eine bombardierte Abschussrampe. Junge Türken in Thermojacken und hohen Kapuzen streifen durch das weithin leere hintere Gelände; wenigstens sie lassen sich den Abend nicht vermiesen. Der Hau-den-Lukas gibt alle zehn Sekunden eine blöde digitale Melodie von sich. Im Nippes-Laden liegen Spielzeug-Karussells, Schlüsselanhänger und Sex-Artikel aus. Eine alte Dame auf Metall-Krücken wird von ihrem Mann gestützt. Ein verschrecktes Mädchen hastet in Moonboots mit Fellfütterung Richtung Ausgang. Auch wir sind froh, als das blaue U-Bahn-Zeichen endlich aus dem dunklen Nichts auftaucht. Bleibt noch Zeit, ein Spielzeug-Riesenrad zu kaufen, für 29,90 Euro. Das schenken wir den beiden Buben, sechs und acht Jahre alt. Vom real existierenden Prater sagen wir wohl erstmal nichts. joachim.lottmann(at)kurier.at

Erstellt am 05.12.2011