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20.01.2013

Der tiefe Fall des Karl Petrikovics

Immofinanz-Skandal: Wie einer der größten Immobilien-Player Europas in die Mühlen der Justiz geriet.

In der Branche hieß er ' Karl der Große'. Ein absoluter Herrscher.

Andrea Hodoschek | über den tiefen Fall des Karl Petrikovics

Er war Österreichs erster richtiger Immobilien-Tycoon. Gegen den Sohn eines Sparkassendirektors und Bürgermeisters aus dem niederösterreichischen Eggenburg rangierten heutige Stars wie René Benko unter ferner liefen. Karl Petrikovics baute ein Imperium auf, das mit mehr als 3000 Immobilien zu den größten Europas gehörte. Dessen Börsewert zeitweise höher war als jener der voestalpine oder der OMV. So rasant und glanzvoll der Aufstieg verlief, so abrupt und tief endete die Karriere des 58-Jährigen allerdings auch. Ab Dienstag steht Petrikovics mit vier weiteren Angeklagten wegen Untreue und Bildung einer kriminellen Vereinigung vor dem Wiener Straflandesgericht.

Dabei geht es nur um eine Nebenfront in der Aufarbeitung der Immofinanz-Affäre, einem der spektakulärsten Wirtschaftskrimis der jüngeren Vergangenheit. In dessen Zentrum ein schwer durchschaubares Firmenkonglomerat aus der börsenotierten Immofinanz, ihrer ehemaligen Tochter Immoeast und der Constantia Privatbank steht. Dabei flog auch der BUWOG-Skandal um den Kauf der mehr als 60.000 Bundeswohnungen unter dem damaligen Finanzminister Karl-Heinz Grasser auf. Bei den Gerichten stapeln sich Tausende Klagen von Anlegern, die teilweise ihr gesamtes Erspartes verloren. Im Hauptverfahren ermittelt die Justiz immer noch, wegen Verdächtigungen in Zusammenhang mit Anlegerbetrug und -täuschung.

Wie tickt jener Mann, dessen Persönlichkeitsmuster Staatsanwalt Volkert Sackmann in der Anklageschrift als ziemlich auffällig darstellt. Ein „Alleinherrscher“ sei er gewesen, ein „Diktator“, der alle wichtigen Entscheidungen alleine traf. Seinen Mitarbeitern habe er „unbedingten Gehorsam und größtmöglichen Einsatz“ abverlangt, Maßstab dafür war er selbst. „In der Branche hieß er ,Karl der Große‘. Ein absoluter Herrscher, der 26 Stunden am Tag gearbeitet hat“, beschreibt ihn ein ehemaliger Geschäftspartner. „Das Rad, an dem er drehte, wurde zu groß. Aber das Ringelspiel musste immer größer werden, um Nachfrage zu erzeugen und das Ganze am Laufen zu halten“, meint ein Insider. Kritikfähigkeit war nicht die Stärke des Selfmade-Mannes, „daher hatte er in seiner Umgebung nur Jasager. Er hielt sich seinen Vorstand und den Aufsichtsrat. Doch in solchen Höhen ist es sehr einsam und manche Persönlichkeiten neigen dann zu einem gewissen Cäsarenwahn“.

Nicht nur sehr autoritär, auch extrem detailverliebt war er, sagen ehemalige Mitarbeiter, „fast schon so, dass man jeden Bleistift absegnen musste“. Trotz seines stark ausgeprägten Selbstvertrauens haftete ihm nach außen „das Odium eines biederen Buchhalters an“, erinnert sich ein Branchenkollege. Ein Biedermann freilich war Petrikovics keineswegs. Selbst Konkurrenten attestieren ihm höchste fachliche Kompetenz und einen unglaublichen Riecher fürs Geschäft.

Das Sprungbrett in die Welt der großen Immobilien-Deals bot dem Absolventen eines Jus- und Betriebswirtschaftsstudiums der öffentlichkeitsscheue Industrielle Herbert Turnauer (), der ihn 2000 als Vorstand seiner Constantia Privatbank anheuerte. Das Institut hatte eine kleine Tochter, die Vorgängergesellschaft der Immofinanz. Der Markt begann zu boomen und Petrikovics hatte bald ein beachtliches Immo-Portfolio zusammengekauft. 2003 ging die Immofinanz an die Wiener Börse, später folgte die Immoeast. Über sieben Kapitalerhöhungen wurden Anleger-Gelder eingesammelt. Großteils über die Keilertruppen des AWD, die ahnungslosen Sparern die Aktien als mündelsicheres Investment andrehten. Mehr als 100.000 Kleinanleger griffen zu.

Die Investoren hatten keine Ahnung, dass ab 2006 über Töchter der Constantia in die eigenen Aktien investiert wurde. Teilweise mit Krediten. Als das Ringelspiel mit der Finanzkrise 2008 ins Stottern kam, war die Bank fällig. Das Privatinstitut für Superreiche musste von fünf Großbanken aufgefangen werden und Turnauer-Tochter Christine de Castelbajac verlor den Großteil ihres Vermögens. Heute versuchen der Sanierer Erhard Grossnigg und Strabag-Chef Hans Peter Haselsteiner als neue Eigentümer, die Bank wieder in die Höhe zu bringen.

Die Anleger flüchteten in Scharen aus der Immofinanz. Die Atomisierung des Aktienkurses von 12,54 Euro auf den Tiefststand von 28 Cent erklärt sich nicht allein mit der Lehman-Pleite. Das Vertrauen in die Aktie war grundlegend erschüttert, die Justiz begann zu ermitteln. Und fand quasi als Nebenprodukt die Rechnung von 9,9 Millionen Euro an den Ex-Lobbyisten Peter Hochegger für den entscheidenden Tipp beim BUWOG-Deal.

Am Dienstag geht es um Aktienoptionen, über die sich Petrokovics und Konsorten ohne Genehmigung des Aufsichtsrates ein Körberlgeld von rund 32 Millionen zugeschanzt haben sollen. Alle Angeklagten bestreiten.

Petrikovics dürfte wohl noch öfter vor Gericht stehen. Derzeit laufen ein Finanzstrafverfahren sowie ein Untreue-Verfahren wegen der BUWOG-Provision. Zivilrechtlich ist eine Klage der Privatstiftung Niedermeyer anhängig. Weiters ein Feststellungsverfahren der Constantia Privatbank und Schadenersatzforderungen der Immofinanz wegen der BUWOG-Provision und der Optionsgeschichte.

Im Immo-Business mischt Petrikovics im kleineren Stil nach wie vor mit, als Privatmann mit seinen beiden Söhnen. Branchengerüchte, er habe während seiner Immofinanz-Zeit zu Sonderkonditionen ein ansehnliches Schnäppchen-Portfolio aus Zinshäusern und Vorsorgewohnungen angesammelt, will er nicht kommentieren.

Buchtipp

Rechtzeitig zum Auftakt des Prozessreigens arbeitete der Journalist Rainer Himmelfreundpointner (Format, profil, trend) den Immofinanz-Skandal auf. Der Autor geht sehr ins Detail, doch dank der verständlichen und stilistisch flotten Aufbereitung ist das Buch auch für Nicht-Insider spannend. Ibera Verlag, 206 Seiten,19,90 Euro