wien MITTE: Weihnachtlich

wien MITTE: Weihnachtswunder © Bild: KURIER/Christandl

Ernst Molden über die Adventzeit.

Wenn Sie das lesen, sind wir bereitet. Der Baum steht, und es sind nur noch ein paar Stunden, in denen er nicht umgeschmissen werden darf, ehe er erstmals angezündet werden soll. Das Christkind, von dem keiner weiß, wie es aussieht, wird dann kommen. Und ich habe meine neuen, schwarzen Stiefeletterln auch an den neuen, braunen Ledersohlen gereinigt, dass ich nicht filzbeschuht im Schatten der Tanne stehen muss. Ja, wir sind bereitet, die Liebste, die Brut und ich – mehr noch als durch Tannen, Schuhe und Kerzenschein sind wir es innerlich, und wie üblich bei Leuten wie uns, haben wir das mit der Sprache gemacht. Ab dem ersten Dezember zieht hier ein ansonsten gut verwahrtes Wort in den alltäglichen Sprachgebrauch ein, es ist das Zauberwort, mit dem sich die Adventzeit trefflich fernsteuern lässt, es lautet: weihnachtlich. Oder, in der Verneinung: unweihnachtlich. Beispiel: Morgen ist eh nix los? frage ich ängstlich die Liebste. Sagt sie: Der Nonno schaut weihnachtlich vorbei. Das bedeutet nicht nur, dass mein lieber Schwiegervater in weihnachtlicher Mission bei uns vorbeischauen wird, sondern auch dass sein Vorbeischauen in den Kanon willkommener, weil passender (vor-)weihnachtlicher Ereignisse aufgenommen wird. Schon teilen sich meine Lippen zu einem Lächeln, und ich freue mich auf den Nonno. Manchmal in den vergangenen Wochen ward das Empfinden, was genau weihnachtlich sei, unkonsensual und höchstpersönlich. Da wollte die Liebste in den Ersten, Verwandtengeschenke besorgen, was sie als weihnachtlich ansah, ich aber nicht. Dafür fand sie es wieder unweihnachtlich, als ich, während die Kinder um den Adventkranz Nusserln knackten, Danzers "Vorstadtcasanova" anstimmte. Oder der Erstgeborene sagte auf die Aufforderung, neben der sofort fälligen noch eine mittelfristige Hausübung zu erledigen: Das wäre total unweihnachtlich! Dann finden wir einander wieder am Ende des Tages, wenn ich am Sofa neben der Liebsten mit müder Hand auf die bratapfelrote Fendergitarre deute und bemerke: Die nehme ich zum letzten Konzert des Jahres! Wie weihnachtlich! sagt die Liebste, und in dem Moment ist das Christkind vorbeigeflogen, ohne dass wir hingeschaut hätten, und immer noch weiß keiner, wie es aussieht.

ernst. molden(at)kurier.at

 

Erstellt am 22.12.2011