wien MITTE: Vergeblichkeit

wien MITTE: Weihnachtswunder © Bild: KURIER/Christandl

Die Liebste und ich genossen auf spiegelglatter Fläche die ersten zehn Runden nach dem frisch getrunkenen Waldbeerpunsch.

Ich habe Ihnen noch ein paar schöne Bilder aus der Zeit "zwischen den Jahren", wie diese wirklich schöne Floskel lautet, anzubieten.

Etwa wie die Liebste, die Brut und ich am drittletzten Tag des alten Jahres zum Eislaufverein gehen und einen besonders großen abgesperrten Mittelkreis vorfinden, weil dort zwei arte-Moderatoren in Schlittschuhen vor der Kulisse des Konzerthauses irgendwelche arte-Moderationen drehen. Ich halte beim Fernsehen die Moderationen ja eher für etwas Vergebliches, und gerade auf arte, wo das Programm doch oft sehr gut ist, wirken die Moderationen dann immer extra vergeblich. Dies machte mich murren am Eislaufverein, dies in Verbindung mit der großen Sperrfläche, vor allem aber in Verbindung mit der Tatsache, dass während des Drehs die Eismaschine nicht fahren durfte und das Eis schließlich an den Parkettboden in unserer früheren Wohnung erinnerte. Dann aber wichen die arte-Menschen, die Maschine fuhr. Die Liebste und ich genossen auf spiegelglatter Fläche die ersten zehn Runden nach dem frisch getrunkenen Waldbeer- respektive Zimtapfelpunsch, das ist der Moment, wo das Flieg-Gefühl am stärksten ist.

Anderntags bereitete ich den Leichenwagen für eine mehrtägige Familienfahrt nach Jugo vor. Erst fuhr ich ölwechseln zum Midas in die Dampfschiffstraße, und sah wie immer angesichts des Namens dieser Werkstatt einen ölfleckigen König vor dem inneren Auge, der verzweifelt versucht, einen goldenen Autoreifen zu essen. Dann fuhr ich zu unserer Tankstelle, wo der Autostaubsauger steht.

Dieser war leider über die Feiertage an der Staubsaugertuberkulose erkrankt und saugte nur noch ganz moribund. Endlos lang hielt ich die Mündung über die unglaublichen Halden zermalmter Brezerln und Soletti im Fond des Leichenwagens, bis sie langsam kleiner wurden und verschwanden.

Und wieder die Vergeblichkeit: Ich wusste, dass die erste Frage der nach Jugo reisenden Kinder im Fond sein würde, ob es Brezerln oder Soletti gebe. Ich spürte, dass die Arbeit, die ich gerade beendete, die Vergeblichkeit schlechthin darstellte.

Aber ich wusste auch, dass ich ein glücklicher Mann war und dass Glück und Effizienz noch nie viel miteinander zu tun hatten.

ernst.molden(at)kurier.at

Erstellt am 12.01.2012