wien mitte: Surschnitzel

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Meinung Kolumnen Mitte
12/05/2011

wien mitte: Surschnitzel

Ernst Molden über das Geschenk eines Ereignislosen Tages.

Manchmal, zum Beispiel unlängst, macht der Himmel der Liebsten und mir ein Geschenk, das sich Der Ereignislose Tag nennt. Ich weise darauf hin, dass dies sehr selten geschieht. Der Ereignislose Tag ist nur den ansonsten hoch geplagten selbstständig Erwerbstätigen vergönnt. Manche dieser selbstständig Erwerbstätigen mögen solche Tage gar nicht, sie erfüllen sie mit einer unbestimmten Angst. Wir haben sie gern. Unser Ereignisloser Tag, stets ein Werktag, zeichnet sich dadurch aus, dass alle drei Kinder brav in den jeweiligen Bildungsinstitutionen verschwunden sind, dass weder die Liebste noch ich auswärtige Berufsmissionen haben, und einander also gegen halb neun an unseren nebeneinander stehenden Arbeitstischen treffen. Irgendwas hätten wir natürlich zu tun, es ist ja immer irgendwas zu tun, aber nix davon ist wirklich dringend an diesem Tag. Wir schalten also die Rechner ein, plaudern ein bissl, und schalten die Rechner wieder aus. Wenn dann, zum Beispiel unlängst, auch noch die Sonne plötzlich aus dem grauen Gewaber herausschießt, dann unternehmen wir was. Die Liebste und ich besteigen also den Leichenwagen und fahren runter nach Albern, wo ich theoretisch eine Forschungsmission hätte, aber selbst die ist an diesem Ereignislosen Tag nicht so dringend. Immerhin für die Zielwahl hat sie gereicht. Wir wandern durch den Wiener Hafen, wo geräuschvoll Schotter in Container gefördert wird. Wir streunen über den Friedhof und lesen das Gedicht des Grafen von Wickenburg, das dort auf einer granitenen Tafel steht: Alle, die sich hier gesellen / Trieb Verzweiflung in der Wellen kalten Schoß. / Drum die Kreuze, die da ragen, / Wie das Kreuz, das sie getragen, / "Namenlos". Wir streben schließlich in das geduckte Häuschen unter den unheilvoll knarrenden Pappeln. Wir essen zu zweit ein Surschnitzel, unsere Nachbarn sind ein paar Speditionsarbeiter und ein paar Zollwachleute. Ein Witz wird erzählt: "Wie geht's da? - Mei besta Freind is mit meina Oidn davon. - Du host doch goa kaan bestn Freind! - Jetz scho!" Wir zahlen und gehen, leicht nach Gasthaus fäulend, wie zwei glückliche, kleine Surschnitzel-Wolkerln, durch die Au retour zum Leichenwagen. Danke, Himmel, für den Ereignislosen Tag. Er war gestern. Heute ist er vorbei. Ich musste das hier schreiben. ernst.molden(at)kurier.at

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