wien MITTE: Jahresrückblicke

wien MITTE: Weihnachtswunder © Bild: KURIER/Christandl

Ernst Molden über Zusammenkünfte und den Jahreswechsel.

Im Gestirn der freizeit-Mitarbeiter stehe ich bisweilen weit draußen, und das obwohl ich mit dieser freundlichen, verlässlichen und klugen Redaktion wahrhaft gesegnet bin. Aber von Fall zu Fall bin ich dagegen, und zwar eher fundamental. Dann erweise ich mich als stur und störrisch, wenn auch stets frei von bösem Willen. Etwa wenn die Mitarbeiter angehalten werden, zur Selbstdarstellung Psychofragebögen auszufüllen, und ich das mit dem Argument ablehne, bei sowas total psycho zu werden. Oder wenn ich nie zu Weihnachts- oder sonstigen Zusammenkünften erscheine, mit der (zutiefst empfundenen) Begründung, dass gemütliche Zusammenkünfte jedweden Anlasses in mir Beklemmung und Phobie auslösen. Meine liebe Redaktion, es hat nichts mit euch zu tun! Könnte ich euch einzeln und, sagen wir, im Wald treffen, ich würde Wochen mit euch verbringen wollen. Ich glaube dabei ja, dass man mich in der Redaktion zum Teil versteht. Trotzdem liegt Mitte in diesen Momenten immer ganz draußen am Rand. Und jetzt schon wieder: In vollendeter Höflichkeit hat die Frau Redakteurin Anni für das Silvesterheftl um rückblickende Texte gebeten, und was tue ich? "Ich schreie Nein! Nein! Nein! Nein! Nein! Nein! Nein! in zwölf verschiedenen Sprachen", wie Ja, Panik! singen. Nein, hochgeschätzte Frau Redakteurin Anni, ich hasse es, zurückzublicken. Überhaupt, und speziell zum Jahreswechsel. Ich bin Anhänger einer zu hundert Prozent aufmerksam erlebten Gegenwart. Zu Silvester habe ich Zeit, im besten Fall Ruhe. Da übe ich diese Überzeugung in zenhafter Hingabe. Mit anderen Worten: Woher wissen wir hier und jetzt, dass "das Jahr 2011" stattgefunden hat? Warum sollen wir glauben, dass "das Jahr 2012" jemals passieren wird? Alles ruht nach dem Weihnachtsfest. Die Zumutungen des Alltags sind momentan absent. Der Mensch, von nichts außer seinem Stoffwechsel determiniert, lässt sich sinken. Er ist ganz und gar weiße Gegenwart. Er beschmutzt sich weder mit Rückblick noch mit Vorsatz. Er bringt nichts hervor, nicht einmal Gedanken.

Wenn doch Gedanken kommen, dann nehmen sie kurz wie kleine Vogerln auf der blendend weißen Seite, die vor uns liegt, Platz. Dann fliegen sie wieder weg.

ernst. molden(at)kurier.at

 

Erstellt am 12.01.2012