wien MITTE: Die beste Stadt der Welt

molden
Foto: KURIER/Christandl

Die Berliner Männer tragen noch immer Vollbärte, wenn auch Hornbrillen dazu. Steinernen Gesichts und ohne zu lächeln versicherten sie mir nachher, ich hätte sie berührt.

Ich bin ja der Überzeugung, in der besten Stadt der Welt zu leben. Das ist, was der Angelsachse ein bold statement nennt, da ich ja nicht alle Städte der Welt kenne. Aber dann und wann muss ich mit meinen Liedern auf Reisen gehen, und was ich erlebe, stärkt meine Gewissheit. Diesmal zwei deutsche Städte: München, Berlin. Mannigfaltige Eindrücke, und wieder führen sie zur selben Gewissheit. Wien, ob du es verdienst oder nicht: Du bist ein Glücksfall. Wobei: München schon auch sehr super ist. München unterscheidet sich von Wien dadurch, dass die gescheiteren seiner Bewohner auch noch gut aufgelegt sind.

Die gescheiten Wiener sind ja gern ein bisserl depro. Den Münchnern spielt man ein trauriges Wiener Lied vor, und als sprachliche Cousins verstehen sie jedes Wort, dann lachen sie, klopfen einem auf die Schulter und sagen sowas wie: Allerhand. Als hätte man ihnen von einem Lotteriegewinn berichtet. Gespielt und geschlafen habe ich in Altschwabing, im Club neben dem Club, in dem die eigentlich pensionierte Spider Murphy Gang noch manchmal auftritt, was zu hören mich erfreute. Die Münchner kamen zuhauf, tranken viel und waren heiter. Im Abglanz dieser Heiterkeit flog ich anderntags nach Berlin. Der niedrig hängende Himmel Preußens! Der kalt andrückende Wind! Die Gerippe der Winterbäume! Die dicken marxistischen Mauern der Volksbühne, wo ich singen sollte! Ich dachte an die Römischen Legionen, die depressiv nördlicher und nördlicher ins Germanische rückten und sich cui bono? fragten, besiegt von den ernsten Germanen mit ihren dichten Vollbärten. Die Berliner Männer tragen noch immer Vollbärte, wenn auch Hornbrillen dazu. Ernst wie die Horden des Fürsten Hermann lauschten sie meinen Liedern. Steinernen Gesichts und ohne zu lächeln versicherten sie mir nachher, ich hätte sie berührt. Ehe ich zum Auftritt ging, in einem vom Sturm krachen gemachten Hotel auf der Karl Liebknecht Straße, sprach ich telefonisch mit der Brut. Die Kinder erzählten mir, dass ein Lied mit dem Titel Woki mit deim Popo unser Land beim großen Europäischen Liederwettbewerb vertreten werde. Und dass sie, die Brut, voll hinter dieser Entscheidung stünden. Das berichtete ich den Berlinern. Und siehe da, für einen Moment lächelten sie.

ernst.molden(at)kurier.at

(KURIER / Ernst Molden) Erstellt am
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