über Stadtflucht
07/20/2013

Stadtflucht

von Ernst Molden

Wien kam uns bei der Rückkehr vor wie ein großer leerer Wald.

Ernst Molden | über Stadtflucht

Bisweilen begibt es sich im Sommer, dass der Mensch aus Wien wegfährt. Er besteigt in Begleitung seiner Familie seinen Leichenwagen, fährt eine niedrige dreistellige Kilometeranzahl nach, sagen wir, Norden. Dort steigt er aus, zwischen granitenen Felsen, rauschenden Fichten und schweigenden Weihern, und bemerkt plötzlich, dass ganz Wien mitgekommen ist. „Seawas“ klingt es plötzlich überall und wiederholt aus dem schönen, grünen Wald, und das Offensichtliche wird bemerkt: „Da Ernstl is aa do!“ So geschah es letzte Woche. Die Liebste, die Brut und ich waren nach Litschau ins Waldviertel gefahren, zum Schrammelklang-Festival. Der Vater der Gebrüder Schrammel, die bekanntlich sowas wie die Carter-Family des Wienerliedes waren, war nämlich achtzehnhundertirgendwann aus Litschau nach Wien migriert. Deshalb hatte der Theatermann Zeno Stanek vor sieben Jahren die ziemlich brillante Idee, heutige Wien-Musiker alljährlich im Hochsommer nach Litschau an den Herrensee zu bitten. Da schrammelt, dudelt, geigt und zithert sie dann, die Hundertschaft der Kollegen. Man spielt auf Floßen und Wiesen, in Wäldern und Salettln und eine Aura von Gelsen wabert um einen herum. Der leiwande Hans Theessink, der den Vorteil hat, in Litschau und in Mississippi gleichermaßen der leiwande Hans Theessink zu sein, war mitgekommen, und das erdete mich entscheidend. Wir spielten und grüßten und grüßten und spielten, und allmählich kamen wir in den Litschauer Rausch, der so etwas ist wie ein exterritorialer Wiener Rausch. Wien kam uns bei der Rückkehr vor wie ein großer leerer Wald. Aber schon zwei Tage später, nämlich heute, setzten die Liebste und ich die Brut in Züge und Autobusse, auf dass sie mit den Omas die Bundesländer bereisen. Wir aber werden morgen den Leichenwagen wieder satteln, um eine hohe zweistellige Kilometeranzahl nach Süden zu fahren, ins Semmeringgebiet. Zu zweit, yeah, um unseren Hochzeitstag zu feiern. Wir wollen in einer lauschigen Bergpension untertauchen. Wobei, untertauchen: Im Süden schnitzlert es ja eher, als dass es schrammelt. Wir sind überzeugt, dass wir irgendwen treffen werden.

ernst.molden(at)kurier.at