├╝ber das Alter

Silberpappel

von Ernst Molden

11/02/2013, 07:00 AM

Die moribunde Pappel stimmt mich nachdenklich, nun, da die St├╝rme wehen.

Ernst Molden | ├╝ber das Alter

Die riesige Silberpappel in der Praterau hat, wie ich glaube, nicht mehr viel Zeit. Schon im Vorjahr wurde sie mit einer sch├Ânen Sicherheitspalisade aus ├ästen umgeben inklusive eines rotwei├čen Warnbands. Innerhalb dieses Kreises k├Ânnte die Riesenpappel in jede Richtung ungeniert umfallen, und wer au├čerhalb des Zaunes st├╝nde, bliebe verschont.

Die moribunde Pappel stimmt mich nachdenklich, nun, da die St├╝rme wehen. Vor ein paar Wochen ist einer ihrer gr├Â├čten ├äste abgefallen, der ganze zweite Bezirk muss davor gezittert haben. Jetzt liegt der Ast da wie ein toter Held aus der Vorzeit. Die Pappel macht manchmal Ger├Ąusche, das h├Âre ich, wenn ich im Schritttempo mein Patagoniaradl an ihr und ihrem Sicherheitshof vorbeilenke. Sie kracht nicht einmal, sie gibt etwas viel tiefer Ersch├Âpftes von sich, ein dunkles, mattes Brummen oder ├ächzen, einen Laut, den uralte Menschen von sich geben, bevor sie noch einmal ausgehen, zum Markt oder zum Arzt. Ich fahre an der Riesenpappel vorbei, dann komme ich nach ein, zwei Kurven, in denen ich absteigen muss, wegen des Unterholzes, an meine Lieblingsbucht. Hier ist das beste Bayou von Wien. Ich dachte ja, ich h├Ątte meinen allersch├Ânsten Herbsttag dort schon im September erlebt. Aber er kam erst unl├Ąngst, Ende Oktober.

Das Schilf wird gelb, es macht harfenartige Musik, im Praterwind. Ich sitze auf einer Weide, die der Pappel schon vor einiger Zeit vorausgest├╝rzt ist und jetzt wie eine Mole ins Wasser ragt. Am allersch├Ânsten Herbsttag ist es so hei├č, dass ich Jacke und Hemd ausziehe. Im Unterleiberl und am Ende gar ohne Schuhe und Socken sitze ich auf dem Baumstamm und spiele ausschlie├člich sentimentale Lieder. Das k├Ąme mit dem Alter, hat mir ein Musikerfreund versichert, dass man bei sehr gutem, aber auch bei sehr schlechtem Wetter nur noch sentimentale Lieder spielt. Das k├Ąme mit dem Alter so unaufhaltsam wie die geschwollenen F├╝├če. Es ist so hei├č, dass ich meine geschwollenen F├╝├če nun f├╝r Sekunden ins herbstlich kalte Lusthauswasser stecke. Als ich sie herausziehe und wieder in die Sonne halte, nimmt ein im Hochzeitsakt befindliches Libellenpaar darauf Platz. Es bleibt sitzen, bis das sentimentale Lied vorbei ist.

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