Meinung | Kolumnen | Wien Mitte
02.03.2013

Rootmusik

Maly Nagl, die ihre Karriere unter der Regentschaft des Kaisers begann und unter Bruno Kreisky beendete.

Ernst Molden | über die Bessie Smith von Wien

„Heit moch ma amoi a Köllapartie, du gehst mit, er geht mit und i a!“, hat Maly Nagl (1893-1977) gesungen, unter anderem. Ihre Lieder höre ich grad ununterbrochen, und wie ich dazu gekommen bin, das werde ich Ihnen jetzt schildern.Wenn der Winter nicht und nicht fortgehen will, ist es bekanntlich auch eine Ultimativ-Strategie, wie besessen Musik zu hören, immer dieselbe, so ausschließlich, bis die Welt und ihre unerfreuliche Jahreszeit verschwinden und nur noch die Musik da ist. Mein Wissenschaftler-Bruder, der gerade in New Orleans lehrt, hat mir unlängst ein Schippel wunderbarer Schallplatten zum Geschenk gemacht, lauter alte Sachen, 20er- bis 50er-Jahre, Blues aus dem Mississippi-Delta. Und diese Rootsmusik hab ich solange gehört, bis die Welt eh weg war, aber eine gewisse Sehnsucht noch da: nämlich die nach der eigenen Rootsmusik. Und über meine Freunde, die sich da richtig auskennen, bin ich auf die Maly Nagl gekommen. Maly Nagl, die man auch die Bessie Smith von Wien nannte. Maly Nagl, die ihre Karriere neunjährig unter der Regentschaft des Kaisers Franz Josef begann und unter Bruno Kreisky beendete. Maly Nagl, die mit 15 Jahren bereits Solo- programme in der Fledermaus-Bar bestritt – Peter Altenberg verfasste Rezensionen, in denen er über die junge Sängerin als ein „allerliebstes Kunstwerkchen“ schrieb. „I hob kan Zins noch zahlt“, „Die Fischerhüttn“, „I häng an meiner Weanastodt“ – das höre ich jetzt ununterbrochen, nachdem ich davor ununterbrochen Charley Patton, Skip James und Mississippi Fred McDowell gehört habe. Die Liebste und die Brut treiben mich in meiner Ausschließlichkeit manchmal unter die Kopfhörer, wenn die Maly Nagl wieder einmal sein muss. Und unter meinen Kopfhörern finde ich dann interessante Parallelen zwischen den Bluesmännern und der Wienerlied-Diva, vor allem die durchdringenden Stimmen. Diese Stimmen kommen alle aus einer Zeit, in der noch keine Mikrofone zur Verfügung standen und der Sänger oder die Sängerin sehr mittig singen musste, um sich durchzusetzen. Das versuche ich dann auch, durchdringend, schneidend, naturverstärkt. Die Liebste und die Brut schicken mich dann manchmal ein bissl hinaus, spazieren und in die Trafik.