über Payerbach
07/27/2013

Kulturmenschen

von Ernst Molden

Ich trug Latzhose, Sonnenbrille und einen (kalten!) Tschik im Mund.

Ernst Molden | über Payerbach

Tatsächlich fuhren die Liebste und ich nach Payerbach. Wir checkten wieder auf dem Kreuzberg ein. Adolf Loos, der architektonische Zermerscherer des Ornamentalen, hatte hier 1928 als eines seiner letzten Werke ein Ferienhaus für einen Fabrikanten errichtet. Das ist jetzt ein sehr beeindruckendes, aber irgendwie den Gast auch forderndes Hotel. Wir finden den Wirten super, den sehr lustigen und entspannten Herrn Steiner, und wir mögen das herrliche Essen, das er auftischt. Den schönen, grünen Wald rundherum sowieso. Was es uns diesmal, tja, erschwerte, waren zwei Dinge. Erstens, der Raum: Wir hatten ein kleines Zimmer, das wirkte als sei Adolf Loos in den Siebzigern nochmal aus dem Jenseits zurückgekehrt, um eine Sauna für einen Sexfilm von Franz Antel zu gestalten. In diesem, eh modernen aber auch engen Raum fühlten wir uns wie zwei Häferln in einer Küche von Margarete Schütte-Lihotzky. Zweitens, die Kulturmenschen: Wir hatten gewusst, dass der Reichenauer Theatersommer vor sich hinbrodeln würde. In der Looslobby hing dann prompt ein aktuelles Festivalplakat, von dem mich Frau Stemberger mit einem Blick voll dramatischem Ennui anstarrte. Dann der Gastraum: Ich trug beim Eintreten Latzhose, Sonnenbrille und einen (kalten!) Tschik im Mund. Ein Dutzend jausnender Kulturmenschen, um die Sechzig und beiderlei Geschlechts, begannen synchron sachte die Köpfe zu schütteln. Wir hatten’s dann trotzdem super. Am nächsten Morgen waren ein paar Wolken am Himmel. „Das Wetter ist miserabel“, sagte einer der Kulturmenschen in sein Handy. Die Liebste und ich gingen in den schönen grünen Wald und fanden Eierschwammerln. Der nächste Ausflug führte uns, wieder mit Brut, nach Kritzendorf, wo der Nino und ich einige Lieder singen sollten. Was einmal die Sommerwiese war, ist ein Acker aus Lehm. Was der Strand war, ist eine Steilküste aus Gatsch. Und trotzdem waren die Kritzendorfer im Donaurestaurant so fröhlich wie lange nicht. Loos und Schnitzler sind Zivilisationsbeweise, sagte ich zur Liebsten, aber dass das Schnitzerl hier nach der Flut noch besser ist als vorher, das ist auch einer.

ernst.molden@kurier.at