wien MITTE: Weihnachtswunder

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Meinung Kolumnen Wien Mitte
09/19/2012

Künstliche Verlängerung

wien MITTE: Ernst Molden über das Ende des Sommers.

Man kann den Sommer künstlich verlängern, lehrte ich die Brut, deshalb fahren wir diesen Sonntag nach Podersdorf! Podersdorf am Neusiedlersee ist ein Ausflugsziel, bei dem nie gemault wird, auch weil wir dort traditionell mit unseren ältesten Freunden, den Gumpendorfern, hinfahren. Es gibt die Podersdorf-Variante mit leicht erhöhter Aktivität, dabei borgt man sich Radln aus und fährt bis in die Hölle, wie ein im Schilf gelegener Heuriger heißt. Am Weg hält man bei Aussichtstürmen, klingelt Graugänse vom Radlweg und kommt am Gehege mit den Mangalitza-Schweinen vorbei: Dutzende heitere, borstige Flummis, die in einem umzäumten Paradies aus Gatsch leben. Und am Horizont wogt eine aschgraue Linie, eine Herde aus Steppenrindern. Bei der passiveren Variante geht man einfach an den Strand und schlägt ein Lager auf. Dann lässt man den Tag vergehen, bis man zuletzt sonnentraumhappert ins Wirtshaus stolpert. Es ist dann so, dass sich die Schleusen von Physis und Psyche weit öffnen und die letzten vorhandenen Sommerkontingente in den Menschen einströmen. So machten wir es diesmal. Während unser Erstgeborener mit dem älteren Gumpendorfer im Altherrengestus aller Elfjährigen am Wasser auf- und abging, folgte mir der jüngere Teil der Brut mit dem jüngeren Gumpendorfer zu einem Watspaziergang zur Schilfinsel. Ich dozierte, dass der See im siebzehnten und sechzehnten Jahrhundert mehrfach beinahe ausgetrocknet war, und dass sich sogar Bauern niederließen, ehe sie das rückkehrende Wasser wieder vertrieb. Das war den Kindern wurscht, denn kurz vor der Schilfinsel erreichten wir nun das, was wir den Sumpf des Grauens nennen, eine Stelle, an der Seeboden plötzlich baaz­waach wird und das Bein einen drittel Am Neusiedlersee: Kurz vor der Schilfinsel erreichten wir nun das, was wir den Sumpf des Grauens nennen, eine Stelle, an der der Seeboden plötzlich baaz­waach wird und das Bein einen drittel Meter einsinkt. Meter einsinkt. Ungefährlich. aber gruselig. Alle kreischten genüsslich, und schwefelig fäulend stieg der Moorboden um uns herum auf. Träge flüchtete der Aal im Schlamm.Am Rückweg sagte ich zu den Kindern, dass die österreichische Geografie die Form des Neusiedlersees gern mit einem Schuhlöffel vergleicht. Das war den Kindern jetzt wieder wurscht. Eine halbe Stunde ehe die Sonne unterging, saßen wir im Wirtshaus. Wir öffneten den Mund, und Steppenrinder, Mangalitzaschweine und Aale wanderten hinein.

ernst. molden(at)kurier.at

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