wien MITTE: Weihnachtswunder

© KURIER/Christandl

Meinung Kolumnen Wien Mitte
09/14/2012

Herbstzeit

wien MITTE: Ernst Molden über das Ende des Sommers.

Der Sänger Weinheimer von der von mir verehrten, sehr romantischen Band Das Trojanische Pferd lud mich zu sich zum Nachtmahl ein. Ich lenkte das Patagonia-Radl also entschlossen kanalaufwärts, von Erdberg bis in die Liechtenwerd. Während ich am üppig dünstelnden Wasser entlangfuhr, fiel mir auf, wie dunkel es war. Der Herbst war da, schon vor seinem kalendarischen Anbeginn, höflich im Vorzimmer herumstehend wie ein Hietzinger Arzt. Die Wohnung in der Liechtenwerd, die ich erreichte, war eine hochgemütlich verkommene Studenten-WG, so eine, wo man aus dem Vorzimmer direkt in die Küche stolpert, sich hinter einen kleinen Tisch klemmt, und nur zwei Mal aufsteht, um erstens aufs Häusl zu gehen und zweitens nach Haus. Weinheimer briet uns tadellosen Seelachs, dazu gab es Erdäpfel und Paradeissalat. Wir spielten einander gewisse Lieder vor, und wie ein gichtiger Onkel riet ich dem Jüngeren, ein warmes Platzerl zu finden, ehe der Hochnebel sich vor dem Himmel schließt. Weinheimers Band eroberte einst mein Herz mit der Frage Was nützt der Weltraum ohne Romy Schneider? Eine Woche später fuhren die Liebste, die Brut und ich nach einem frühen und früh beendeten Schultag mit dem Leichenwagen nach Kritzendorf. Fast alle tauchten wir noch einmal in der Donau unter. Es war jetzt die Zeit, in der sich alles beruhigt. Die Kleinkindeltern fäulten nicht mehr auf die Hundebesitzer. Die Eisesser fäulten nicht mehr auf die Wespen. Und wir sahen, wie der späte Sommerhimmel auf eine kaum merkliche Weise mit dem Winter schwanger ging, also mit dem Hochnebel. Der Himmel füllte sich mit einer glasigen, transparenten Sauce, die die Sonnenstrahlen verwirrte und milchig werden ließ. Im Vorzimmer räusperte sich der Hietzinger Arzt.   Im Donaurestaurant berichtete uns die beeindruckende Wirtin A., dass man einen großen Wels in der Küche habe, den man sehr empfehle. Dieser meterlange Wels, von keinem Angler jemals besiegt, habe sich selbst an einer Boje erhängt. Wir aßen den Selbstmörder, vom beeindruckenden Koch P. mit Nüssen, Roten Rüben, Pfirsichen und Kürbis zubereitet, und ich erkannte: Am Ausgang des Sommers schwimmt in diesem Jahr der Fisch.

ernst. molden(at)kurier.at

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