Herbergsuche


Täglich kommt einer von uns fünfen am Zawinul- Park vorbei, und ihr oder sein Blick fällt auf die angebotenen Christbäume. Sollma einen aussuchen?, fragen die Panikritter an unserer kleinen Tafelrunde. Aber nein, sagt dann der Papa, der in dieser Frage die Ruhe total verinnerlicht hat, aber nein, es ist viel zu früh. Ich bin nämlich der felsenfesten Ansicht, dass die schönsten Christbäume wenige Stunden vor dem Heiligen Abend erst im Zawinul’schen Fußballkäfig feilgeboten werden, und dann, ja, dann schlagen wir zu. Also wenden wir uns anderen Stationen der höchstpersönlichen Herbergsuche zu. Dem Augarten etwa, wo ich unlängst zu tun hatte. Früh brach die Nacht herein. Da sah ich, wenn schon nicht Über-, dann doch Außerirdisches: Eine Art Lichtdom ragte auf, wie damals in den Neunzigern, als die ersten Raves der Stadt von enormen, träge rotierenden Lichtstrahlern angezeigt wurden. Dieser Lichtstrahl hier verharrte still, und in seiner Mitte hockte wie ein geschamiges Neugeborenes ein eckiges, kleines Konzerthaus namens Muth, der neue Saal der Sängerknaben. Dessen Führung hatte zur Eröffnung des umstrittenen Baus „Mut-ExpertInnen“ zu einem Kongress eingeladen, auch die Kritiker, etwa vom Aktionsradius. 

Diese Initiative, die seit 20 Jahren Kultur am und im Augarten zusammenführt und vernetzt, und über deren Argumente im Zuge des Augarten­streits von Bauherrn und Stadt drübergefahren worden war, sagte übrigens dankend ab, was ich verstehen kann. Die Herbergsuche streifte dann die „Halle“ von Wien Mitte neu, wo man ja jetzt „The Mall“ sagt. Wenn das so ist, ist diese angebliche „Halle“ dann ja vielleicht eine „Malle“, denn sie ist einfach ein überdachter Platz im Freien, wo der eisige Wind von Mitte an großen Betonfindlingen vorbeizieht, wo niemand in kalten Nächten bleiben kann, wo es alle wegzieht, entweder zum „Shoppen“ oder halt back on the road. Musizierverbot haben sie hier übrigens auch verhängt. Das heißt, meinen lässigen russischen Opa mit seinen krachenden Blues-Stücken, der früher hier gesungen hat, den muss ich woanders suchen gehen. Ich wünsche, dass allen warm ist, jetzt dann. 
 

(KURIER Freizeit am Samstag) Erstellt am
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