über Global Weirding
07/06/2013

Global Weirding

von Ernst Molden

Das Wort erfüllte mich gleichermaßen mit Gruseln, wie es mir zutiefst plausibel vorkam.

Ernst Molden | über Global Weirding

Vorgestern ging die Liebste aus, zu einer Vernissage der Angewandten. Derweil war hier Besuch, obgleich ich die Besucher darauf hingewiesen hatte, dass ich müd und ununterhaltsam sein würde. Aber sie kamen trotzdem, und waren bester Laune: Freund und Agent C. aus Favoriten, Freund und Kollege R. aus Canterbury. Es wurde dann sehr lauschig. Wir tranken Bier und Wein, die Kinder schliefen, und draußen brauste ein eisiger Sturm über Erdberg. Ich dachte laut darüber nach, ob ich, trotz Mittsommer, den Kamin anschüren sollte. Da sprach mein nach England ausgewanderter Freund R. davon, wie man dort jetzt zum Klimawandel sagt: nämlich nicht mehr Global Warming sondern Global Weirding. Die weltweite Verunheimlichung. Das Wort erfüllte mich gleichermaßen mit Gruseln, wie es mir zutiefst plausibel vorkam. Ich bin heuer im Frühling nach elf Jahren mit einem Song fertiggeworden, der das Hochwasser von 2002 beschreibt. Einen halben Monat später kam die Dreizehner-Flut. Die Sommerfrischen-Tour mit dem Nino aus Wien, auf die ich mich freue, führt mich bald durch Plätze wie Kritzendorf und Karbach am Traunsee, lauter Orte, durch die Flut gekommen und gegangen ist. Und dann wollen die Liebste, die Brut und ich den Humer Schurl im Orther Uferhaus besuchen. Da werden wir die Fotos sehen, wie es heuer war im Donaudschungel zur Überschwemmung. Der Sommer hat etwas Entrisches gekriegt, und da ist das Wort Global Weirding als Zeichen hervorragend. Eine Watschen in die Gesichter der Begütiger, die immer gemeint haben: Na, mein Gott, wirds halt ein bissl wärmer. Kriegma halt ein paar Palmen und Olivenbäume bei uns! – So ist es aber nicht: Es wird nicht warm, es wird oag. Zart apokalyptische Stimmung nistet sich vor dem kalten Kamin ein. R. erzählt vom veränderten Frühjahr in der Grafschaft Kent, wo wegen des sich nach Süden vertschüssenden Golfstroms jetzt immer so ein kalter Wind geht. C. und ich tischen Details vom Hochwasser auf. Trotzdem ist es ein gemütlicher Abend, was man wohl mit Platons Höhlengleichnis erklären kann. Wir sehen halt nur die Schatten.Endgültig gerettet bin ich, als die Liebste nach Hause kommt: Personal Warming.