über bergan
11/30/2013

Nix Ziesel

von Ernst Molden

Ich sah nur die Hinterseite der Liebsten vor mir.

Ernst Molden | über bergan

Das Bad im Bodennebel: Mit den Hütteldorfer Freunden W. und G. setzten wir die Erforschung des großen weißen Flecks auf unserer inneren Landkarte, also des südlichen Wienerwaldes, fort. Wir trafen einander am Parkplatz bei der Perchtoldsdorfer Heide, wir mit Brut, die Hütteldorfer ohne. Dann stiegen wir auf. Ich gestehe, dass ich das letzte (und eh auch einzige) Mal Ende der Achtziger Jahre dort war. Ich war für meine damalige Zeitung mit einem Biologen zu einer Ziesel-Begegnung aufgebrochen. Ich erinnere mich, dass ich damals mit freiem Auge am anderen Ende der Wiese etwas sah, das gut auch ein Ast oder ein großes Hundstrümmerl hätte sein können, aber der Biologe rief aus: Ein Ziesel! Jetzt aber stiegen wir beherzt bergan. Ja, bergan. Woran ich mich nämlich nicht erinnerte, ist, dass die Perchtoldsdorfer Heide steil ist, bei dem Wort Heide denkt man doch eher an etwas Flaches, bestenfalls Welliges. Aber hier: ein Berg. Dafür hatte ich das von der Liebsten hergeschenkte herrliche Fernglaserl mit und war überzeugt, diesmal dem Ziesel ins Antlitz schauen zu können. Aber ach, der Bodennebel. Geradezu in Baumwolle eingepackt, kletterten wir höher, blind hing das Fernglaserl um meinen Hals. Ich sah nur die Hinterseite der Liebsten vor mir und neben mir die Schulter des Hütteldorfer Freundes W., mit dem ich sprach. Plötzlich hörte ich den Zweitgeborenen „Wäääääh, Gackabemmerln!“ schreien und da wateten wir längst durch die Schaflosung. Wie zur Bestätigung löste sich aus dem großen himmlischen Baumwollballen ein kleiner irdischer, nämlich ein Schaf. Aber nix Ziesel, nur ihre Löcher, in denen wir uns verknöchelten. Später merkten wir eher akustisch als optisch, dass wir jetzt durch Wald gingen und tatsächlich, sagte Freundin G.: Der Parapluiberg! Wie Gefahrenzeichen schwebten gerötete Wiener Gesichter auf uns zu, und so wussten wir, dass die Franz-Ferdinand-Hütte erreicht war. Die Franz-Ferdinand-Hütte sprach nicht ganz so laut mit mir wie jüngst die Rudolf-Proksch-Hütte, aber das mag ungerecht sein, denn auf die Proksch-Hütte schien ja die pralle Sonne. Übrigens möchte ich demnächst noch die Veigl-Hütte erforschen. Die ist auch nicht weit, und dort, so ein Leser, regiert die Musik. Ihr letzten weißen Flecken, ihr müsst vergehen!

ernst.molden(at)kurier.at

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