über Erdberg
11/23/2013

Erdbergerin

von Ernst Molden

Ich hab mich über den Brief so gefreut.

Ernst Molden | über Erdberg

Vor zwei, drei Wochen war es, da kamen die Fronis über mich. Ich hab noch den Vorfrühling in Erinnerung, als die Opernfreunde wegen meines Verdi- Puccini-Verbrechens über mich herfielen. Aber die Fronis, auch Mittelhochdeutsch-Polizei genannt, die können’s auch nicht schlecht. Eine trübe Flut von Verächtlichkeit, Empörung, Anmaßung und Selbstgerechtigkeit schwappte in meine Mailbox, nachdem mir Folgendes passiert war: Ich, ein Mann mit drei Kindern und drei Berufen, hatte in meiner Überlastung das Wort Fron mit H geschrieben, also – einmal noch – Frohn. Obwohl ich es besser weiß! Und meine Lieblingsredakteurin Anni hat das doch glatt übersehen, und so stand es dann im Rahmen von Wien Mitte Nro. 238 in der Zeitung, dieses – ein letztes Mal – Frohn. Was soll ich Ihnen sagen? Ich selbst, Redakteurin Anni, wir alle wissen um die Obsoletheit dieses Hs, um seine nachgerade Nicht-Lebensberechtigung. Sorry, liebe Fronis, morgen scheint die Sonne wieder. Ich wollte ja gar nicht über diese Sache schreiben, musste es aber dann doch tun, und zwar des Kontrasts wegen. Da draußen sind nämlich Leser und Leser. Ein paar Tage drauf erreichte mich dieser vierseitige, in einer wunderschönen Handschrift verfasste Brief der 75-jährigen Frau Ulli, welche in Wieden lebt, aber einstmals Erdbergerin war. Dieser Brief ist eine Perlenkette aus Geschichten und Bildern aus einem Erdberg, das nicht mehr existiert. Ich las darüber, wie schön die Schlachthausgasse einmal war – „das wunderbare Kinderspital mit seinen Pavillons und den vielen Bäumen, die Gestettengasse, in der wir geradelt sind, das Erdberger Kino ...“ Ich erfuhr, dass das vielleicht letzte alte Erdbergerhäuschen in der Baum, über dessen Renovierung ich mich grad so freue, einmal ein Branntweiner war. Und ich badete in diesem Satz: „Sie haben den Ton getroffen, der mir aus meinen Kindertagen in Erdberg von ferne immer noch im Ohr ist.“ Ja ... Danke! Ich hab mich über den Brief so gefreut, dass ich richtig Lust bekommen habe, vor lauter guter Laune irgendetwas Blödes zu tun. Was weiß ich, singend durch die Schlachthaus zu spazieren. Oder Frohnfrohnfrohn ans Ende dieses Textes zu schreiben.

ernst.molden(at)kurier.at

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