über Sagen
08/10/2013

Der Basilisk

Die steinernen Kollegen ließ er im Brunnen.

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Kleine Sommerserie, Teil 1: Der Basilisk. Unter den Mitarbeitern des Meisters war der Bäckergeselle Johann der Beliebteste. Er erledigte seine Arbeit mit einem gut geschmierten inneren Rhythmus und einem kleinen Lächeln auf den Lippen, ein warmes, kleines Lächeln, von dem kaum einer wusste, dass es zuweilen in ein, na ja, kaltes, kleines Grinsen umschlagen konnte. Wie von selbst waren Johann mit den Jahren die angenehmsten Arbeiten zugefallen. Dies trug wiederum zu seiner guten Laune bei. Ein Kreislauf des Gelungenen schloss sich. Aber die blutigsten Unfälle geschehen an den heitersten Sommertagen. An jenem Tag lief dem Bäckergesellen Johann die alte Mali entgegen, die Tante des Meisters. „Er ist jetzt auch von Stein!“ schrie sie. – „Wer?“, fragte Johann. – „Der Vitus“, rief die Mali, „wie vorher schon der Florian. Alle von Stein!“ – „Warum?“ – „Sie haben im Brunnen das Viech gesehen. Halb Hendl, halb Wurm. Oder Krot.“ – „Geh, Mali“, sagte der Johann. „Hast du’s denn selber gesehen?“ – „Gott bewahr! Dann warat ich von Stein.“Johann betrat den Hof und blickte zum Rand des Brunnens hin. „Nicht!“, schrie er, als er sah, wie gerade jetzt der Meister seinen Kopf in den Brunnen steckte, um in die Tiefe zu schauen. Doch da ging schon ein Krachen durch den Meister und als feister Fels stürzte er in die Tiefe.

Johann sagte später, in diesem Moment habe er gewusst, dass er nun auf etwas verzichten musste: auf die Befriedigung seiner Neugier. Er schickte den Lehrling um Seil und Spiegel, zog sein Schneuztuch aus dem Sack, das hell und rein war, wie der größte Teil seines Gemüts. Und dann ließ man ihn hinab. Dort unten habe es schiach gerochen, etwas habe leise gelacht: Hehehe. Dann die Explosion. Stinkendes Gewebe sei ihm um die Ohren geflogen, nachdem das, was er nie gesehen hatte, vor seinem eigenen Anblick zerplatzt sei. Aus mit Hehehe.

Man zog den Johann heraus. Die steinernen Kollegen ließ er im Brunnen, dann verschloss er ihn. Zuletzt wischte er das kleine kalte Grinsen aus seinem Gesicht und übernahm selbst die Bäckerwerkstatt. Tante Mali, die bald darauf zurückkehrte, schickte er um einen Krug Bier.

ernst.molden@kurier.at