über Füße
11/16/2013

Eingeschlafene Füße

von Ernst Molden

Der Specht schaute mich arrogant an.

Ernst Molden | über Füße

Das Schmerzen meiner Füße sowie deren fallweises Entschlafen verursacht mir mehr Gedanken als dem Rest der Welt. Meine gleichaltrigen Freunde und Mitmusiker lächeln milde. Freund M. etwa sagt, es sei schon lange her, dass seine Füße in der Früh gleichzeitig mit ihm erwacht seien, mittlerweile geruhten sie stets eine halbe Stunde länger als er selbst zu schlummern. Sängerin S. plaudert fröhlich über eine sogenannte Schaufensterkrankheit, im Zuge derer den alten Herrschaften bereits die Füße einschliefen, wenn sie kurz vor einer Auslage verharrten. Alte Herrschaften, ah. Gedankenschwer wuchtete ich die stichelnden und in den Ballen zwickenden Extremitäten auf die Pedale des Patagonia-Radls und fuhr in den Prater, um den Schwager in der Bierinsel zu treffen. Doch dann am Weg zeigten sich mir drei Zeichen der Hoffnung. Eins: Direkt vor unserer Wohnklippe, auf der Landstraßer Haupt, wo uns vor anderthalb Jahren das kleine Platantscherl verdörrt ist, waren die Stadtgärtner vor Ort, um ein neues Platantscherl einzusetzen. Ich lächelte schon. Zwei: Auf der Wasserwiese sah ich im Vorbeiradeln vor einem herabgestürzten Mistelzweig den grünsten Grünspecht meines Lebens sitzen. Der Specht schaute mich arrogant an, und strahlte dennoch nichts aus als die reine Hoffnung. Ich grinste nun. Drei: Vor dem Lusthaus traf ich so etwas wie einen kreativen Menschenauflauf, wobei ich nicht weiß, ob hier ein Fotoshooting, ein Werbe- oder ein Filmdreh stattfinden sollte. Die Hauptfigur stand etwas abseits, memorierte einen Text, zart wie eine Prinzessin, herabstürzendes rotes Haar, ein feines, schönes Gesicht. Es handelte sich um die Kammerschauspielerin Erni Mangold, mit der ich vor gut 20 Jahren einmal zusammenarbeiten durfte. Ich stieg vom Radl, umarmte die Frau Kammerschauspielerin, die auf die Neunzig zugeht, und fragte sie, wie sie es bitte schaffe, ewige Jugend auszustrahlen: „Gute Gene, gute Stimmung“, sagte Erni Mangold. All das erzählte ich in der Bierinsel dem Schwager. Wir vereinbarten, im kommenden harten Winter mehr auf Zeichen der Hoffnung zu fokussieren als auf Füße.

ernst.molden(at)kurier.at