Meinung | Kolumnen | Wien Mitte
09.03.2013

Die Omi

Wo die Föhren sind, da ist es dann, pflegte die Omi zu sagen.

Ernst Molden | über die Beerdigung seiner Oma.

Am Gitarrenkoffer pickt noch der Gatsch. Feister, fettiger, ockerfarbener Gatsch, eingetrocknet wie gute Ölfarbe, gemacht aus Erde, wie sie erst in einer gewissen Tiefe vorkommt, six feet under, ungefähr. Der Gatsch ist der endgültige Beweis, dass der Vormittag vergangene Woche seine Wirklichkeit hatte. Ohne den Gatsch würd ich ein bisschen zwischen allen möglichen Wirklichkeiten verloren gehen. So vor 30, 40 Jahren war ich öfter am Hernalser Friedhof, an der Flanke des Schafbergs, mit meiner Omi, die mich mitnahm, wenn sie ihre beiden Männer besuchen ging. Der eine 1945 gestorben, der andere 1970, liegen sie nur zwei Reihen voneinander entfernt, im weit oberen, weit hinteren Teil. Wo die Föhren sind, da ist es dann, pflegte die Omi zu sagen, wenn ich maulte, unter dem gar nicht so kleinen Gewicht von Gartenschere und Kerzen. Dann war ich ewig nicht da, und jetzt halt wieder. Auf Friedhöfen verändert sich, im Gesamten gesehen, wenig. Der letzte Schnee zergeht, und obendrauf regnet’s noch. Am Arm der Liebsten schweben die vielen Luftballons, das ist ein tröstlicher Anblick. Mein Bruder ist auch da, extra aus Louisiana gekommen. Die Brut wuselt rastlos am Beginn des Zuges. Das wäre in ihrem Sinne gewesen, sagt meine Mama, und dann sagt sie: Wo die Föhren sind, da ist es dann. Und dann sieht man den Erdhügel, der sich grad genüsslich unter Schmelz- und Regenwasser in den Gatschhügel verwandelt. Der Pfarrer spricht freundlich und scheu, als hätte er gewusst, dass diejenige, um die es geht, dem, was die Pfarrer sagen, immer eher gelassen gegenübergestanden ist. Ich schaffe es, mein Lied zu spielen. Alle lassen die Luftballons fliegen, der des Zweitgeborenen bleibt in einer Föhre hängen, als wollte er noch ein wenig wachen. Meine Mama hat keine Mama mehr. Mein Bruder und ich haben keine Omi mehr. Die Brut hat keine Urgroßmutter mehr. Als wir wieder gehen, schaue ich nicht mehr zu den Föhren. Meine Mama, mein Bruder und ich können über irgendeinen kleinen blöden Witz eine Sekunde lang lachen. Auf zwei Grabsteinen lese ich die sinnstiftenden Wiener Namen Frischherz und Weinleid.