Meinung | Kolumnen | Wien Mitte
26.01.2013

Der Triumph des Zusammengerafften

Ich bilde mir ein, den Song geschrieben zu haben, finde ihn aber nicht mehr.

| über den Schnee und die gute Laune

Das ist das zweihundertste „wienmitte“. Sie können mir gratulieren, müssen aber nicht. Ich habe zwar zweihundert Mal die Leistung erbracht, ein kleines Aufsatzerl zu schreiben. Aber die Leistung, insgesamt zweihundert kleine Aufsatzerln zu schreiben, ist irrelevant. Sie zählt bloß im kapitalistischen System, wo das Lob der Summe gilt, der Triumph des Zusammengerafften. Meine Geschenke hab ich schon. Das waren nämlich die Leser-E-Mails mit Fotos vom vorletztes Mal hier beschriebenen Ice Storm im Wienerwald. Irrsinnig schön. Unpackbar. Atemberaubend. Haselstauden mit dezimeterlangen Bärten, Hagebutten unter Eis, Baumriesen in Aspik. Ich danke Frau Martina, Frau Gabriele, Frau Pia, Frau Grete, Herrn Franz und Herrn Bernhard für ihre Fotos. Ich hab mich jetzt eine Woche lang drüber gefreut!

Ja, das Wetter. Das bleibt halt immer. Draußen schneit es grad wie die Sau, und alles in mir will die Liftwartstiefel anziehen und in den Prater. Aber erst muss ich fertigschreiben. Es schneit wirklich stark. Prompt geraten die Boys and Girls von orf.at in ihre erprobte Weltuntergangsstimmung, raunen von Energieengpässen und sehen meteorologische Rekorde fallen, von denen die Hohe Warte noch nicht einmal weiß, dass sie aufgestellt wurden. Schön: Apokalyptisches Kasperltheater auf orf.at bringt mich eigentlich immer in gute Laune. Schnee sowieso. Es muss im Winter 2004/2005 gewesen sein, da trank ich im Chelsea Wodka mit dem Stanzel. Treue Leser wissen es, den untreuen gehört es gesagt: Stephan Stanzel ist die Stimme Simmerings, Frontman von A Life, A Song, A Cigarette, Wiens romantischster Band. Stephan und ich haben einiges erlebt miteinander, orf.at würde in Ohnmacht fallen.

Damals saßen wir also im Chelsea, und als wir gingen, eher mussten als wollten, war die Welt eingeschneit. Der Stanzel trug wie immer seine Converse, ich immerhin Clarks. Fäulend stapften wir in zwei Richtungen davon, aber davor versprachen wir einander, dass jeder von uns einen Song über diesen Schnee schreiben würde. Ich bilde mir ein, den Song geschrieben zu haben, finde ihn aber nicht mehr. Ich schreibe ihn jetzt einfach noch einmal. Stephan, was ist mit dir?

ernst.molden@kurier.at