über die seit zehn Jahre nicht realisierte Gedenkstätte für die Deportierten.
01/18/2016

Und dann, wenn alle Überlebenden tot sind ...

von Thomas Trenkler

Im Rathaus glaubte man wohl, dass Gras über die Sache wachsen werde.

Thomas Trenkler | über die seit zehn Jahre nicht realisierte Gedenkstätte für die Deportierten.

Am ehemaligen Aspang-Bahnhof in Wien-Landstraße soll ein Holocaust-Mahnmal entstehen. Denn zwischen 1939 und 1942 verließen 47 Züge mit großteils jüdischen Österreichern diesen Ort. Derzeit erinnert nur eine kleine Tafel und der 1995 umbenannte „Platz der Opfer der Deportation“ an die NS-Opfer. Die Gedenkstätte soll den Deportierten ihren Namen zurückgeben, „was bei 60.000 Namen eine große Herausforderung wird“, so Rudolf Schicker (SPÖ).

Dies berichtete "Die Presse". Und die APA fasste im Indikativ zusammen: "Als erster Schritt dazu wird ein internationaler Architektur-Wettbewerb über die Bühne gehen. Fix ist, dass Original-Schienen vom Aspang-Bahnhof in die Gedenkstätte integriert werden." Schicker wolle ein Proponenten-Komitee aufstellen und drücke aufs Tempo: "Es besteht die Gefahr, dass die Überlebenden sonst schon alle gestorben sind."

"Die Presse" und die APA berichteten dies aber nicht unlängst, sondern Ende November 2004, also vor mehr als elf Jahren. Damals war Schicker Planungsstadtrat. Die Zahl der noch nicht gestorbenen Holocaust-Überlebenden hat sich seither eklatant verringert, die "Gedenkstätte für den deportierten Nachbarn" aber gibt es weiterhin nicht.

Wiewohl es einen mit 27.000 Euro dotierten Wettbewerb gab. Das Architekturbüro Naumann aus Stuttgart gewann ihn Anfang 2006, also vor einem Jahrzehnt, unter dem Namen "fnp architekten". Martin und Stefanie Naumann stellten das Projekt auf ihrer Homepage vor (sie verlegen Gleise quasi in ein 38 Meter langes, offenes Grab) und vermerkten: "Realisierung bis Herbst 2009".

Keiner hat in den letzten Jahren ein Scheitern einbekannt, niemand die Verantwortung übernommen.

Im Rathaus glaubte man wohl, dass Gras über die Sache wachsen werde. Und nun scheint es hoch wie dicht genug. Denn kürzlich war im KURIER zu lesen: "Am ehemaligen Bahnhof Aspang soll ein Denkmal für die deportierten Wiener Juden entstehen. 2016 wird der Wettbewerb abgeschlossen, heißt es im Büro von Stadtrat Andreas Mailath-Pokorny ( SPÖ)."

Wie das? Die für Kunst im öffentlichen Raum zuständige Organisation KÖR gab auf Nachfrage lediglich bekannt: "Der jurierte Siegerentwurf konnte vor dem Hintergrund der bestehenden Rahmenbedingungen vor Ort und den daraus resultierenden möglichen baulichen Vorgehensweisen im vorgegebenen finanziellen Rahmen nicht umgesetzt werden."

Ihr Tratsch-Partner würde aber gerne mehr erfahren: Wie viel hat der einstige Wettbewerb gekostet – samt Sitzungsgeldern und Werkstattbericht? Wieso wählte die Jury ein Projekt aus, das im vorgegebenen finanziellen Rahmen nicht umgesetzt werden konnte? Und, da man nun nur an einen geladenen Wettbewerb denkt: Darf das Architekturbüro Neumann sein exzellentes Projekt nochmals einreichen?

*

Alle, auch Mailath-Pokorny, haben betont, wie wichtig die Installation "The Missing Link" von Ruth Beckermann ist, aber niemand hatte den Mut, sich einzusetzen: Die notwendige Ergänzung zum straßenwaschenden Juden von Alfred Hrdlicka musste demontiert werden. Der Stadtrat beteuert nach wie vor, dass er sich bemühen wolle. Mal schauen, was ihm einfällt. Gras wird wohl keines d’rüberwachsen können.