über Neonazi-Aktion
06/20/2016

„Heil Hofer“ klingt viel plumper als das Original

von Thomas Trenkler

Wer das Video sieht, mag an „Satire“ nicht recht glauben

Thomas Trenkler | über Neonazi-Aktion

In den letzten Wochen ging es ja ziemlich rund: Josef Ostermayer musste gehen, weil er gut war; Thomas Drozda wurde Minister, weil er nicht nur Tipps geben will. Anita Zemlyak bestätigte, dass Bewerbungsverfahren für die Fisch’ sind, da sie schon von Anfang an neue Leiterin des Wiener Kulturamtes feststand. Und Agnes Husslein ist konsterniert über die Revolte der Mitarbeiter im Belvedere.

So lesen Sie erst heute über Vorkommnisse, die sich während des Donaufestivals in Krems zugetragen haben. Julius Deutschbauer, Barbara Ungepflegt und David Jagerhofer hatten die Bevölkerung im Rahmen ihrer Performance „Kunstinspektion DONAU“ aufgerufen, „Missstände oder Verdächtigungen jeglicher Art zur Anzeige zu bringen“. Die Resonanz war groß. Und es wurden nicht nur Absurditäten eingebracht: Die Öffnungszeiten der Stadtbibliothek seien mangelhaft, es fehle ein Widerstandkämpfer-Denkmal u.s.w. Die Kunstinspektoren konfrontierten daher Bürgermeister Reinhard Resch mit den Anzeigen.

Beim Durchsehen des Ordners bemerkte dieser, so erzählt Deutschbauer, eine mit den Runen der Waffen-SS unterzeichnete, orthografisch mangelhafte Anzeige gegen Flüchtlinge: „Sie haben schlechte Religion, sind dunkelhäutig, reden eigenartige Sprache, beuten das Land aus, leben auf unsere Kosten.“ Der Bürgermeister sei sichtlich erschüttert gewesen, er habe die Anzeige kopiert und an die Kripo weitergeleitet.

Wie es zum Corpus Delicti gekommen war, schildern die Künstler auf ihrem Blog: „Fünf Männer, eine Frau und ein Hund betreten die Wachstube. (...) Gleich zwei Anzeigen werden eingebracht, wobei eine sofort von Inspektorin Ungepflegt geschreddert wird, da der Anzeiger sie mit einem Namen signierte, der augenscheinlich nicht mit seiner Person übereinstimmte.“ Er gab sich als H.C. Strache aus. „Die zweite Anzeige wird zwar anonym eingebracht, aber korrekt mit dem Runenzeichen der SS unterzeichnet. Angezeigt werden alle Flüchtlinge wegen illegalen Grenzübertritts ohne gültige Visa, was einen Straftatbestand erfülle, sowie des Wirtschafts- und Sozialbetrugs.“ Danach verabschiedet sich die Gruppe mit dem deutschem Gruß und einem „Heil Hofer“.

Die Intervention von Resch führte dazu, dass zwei Kriminalbeamte erschienen – und zwar zwei Tage nach der Anzeige: „Sie befragten uns zu dem Vorfall, sicherten Beweise – also die Videoaufzeichnung und das Original des Anzeigeformulars – und nahmen Kollegin Barbara Ungepflegt zur vertiefenden Befragung mit auf das Kommissariat“, erzählt Julius Deutschbauer. Einer der Kripo-Beamten soll gesagt haben: „Da wird nichts rauskommen, die werden behaupten, es handelte sich um eine künstlerische Intervention innerhalb einer künstlerischen Intervention.“

Tatsächlich: Nur eine Stunde später trifft ein Mail ein, in dem der Anzeiger genau so, wie vom Beamten prophezeit, argumentiert. Und zwar in korrektem Deutsch formuliert, was die drei Künstler einigermaßen erstaunt. Er, der Anzeiger, bedauere, dass die Inspektoren „als Künstler mit entsprechendem Verstand und Auffassungsgabe“ nicht realisiert hätten, dass seine „Aktion eine spontane Satire“ gewesen sei.

Wer das Video sieht, mag an „Satire“ nicht recht glauben. Auch wenn Ihr Tratsch-Partner mit Erleichterung feststellt, dass „Heil Hofer“ viel plumper als das Original klingt. thomas.trenkler

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