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16.10.2017

Undankbar leicht

Weshalb sollte die Kombination aus Tanz, Gesang und Schauspiel Qualitätsabfall bedeuten?

Anna-Maria Bauer | über belächelte Musicals

"Und du?" – "Ich gehe heute noch ins Musical."

Mehr brauchte es nicht, da waren sie auch schon: Die spöttischen Lacher, die hochgezogenen Augenbrauen, die zynischen Kommentare.

Während der Besuch einer Oper, eines Theaterstücks oder eines Balletts mit anerkennenden Blicken aus dem Bekannten- und Kollegenkreis quittiert wird, erntet man für einen Musicalbesuch zumeist nur Spott und Häme.

Musicals seien ja keine ernstzunehmende Kunstform, muss man sich dann zum Beispiel anhören. Die Stücke würden doch alle gleich klingen, kitschig und banal sein und sowieso immer nur die gängigen Rollenklischees bedienen.

Aber weshalb wird die Kombination aus Tanz, Gesang und Schauspiel eigentlich automatisch mit einem Qualitätsabfall in Verbindung gebracht?

Natürlich gibt es gute und weniger gute Stücke. Aber das ist in jeder Kunstform so.

Natürlich gibt es viele Feel-Good-Musicals. Aber genauso gibt es Produktionen, die Krankheit, Krieg oder Drogensucht thematisieren.

Und was ist eigentlich so schlimm an der Leichtigkeit, dass sie unter keinen Umständen mit der Hochkultur in Verbindung gebracht werden darf?

Hört man sich übrigens bei den Darstellern um, erkennt man schnell, dass Musicals besonders anspruchsvoll sind. Man müsse viel disziplinierter sein, meinte unlängst eine Künstlerin zu mir, die nach vielen Jahren Sprechtheater erstmals in einem Musical mitwirkte. Der Dirigent wartet auf Signalwörter. Und wenn das Orchester dann einmal in Fahrt sei, gebe es kein Zurück, dann müsse man auf den Zug aufspringen.

Was als Leichtigkeit rüberkommt, ist das Ergebnis eiserner Proben.

Aber, schon klar, ernst kann man ein Kunststück natürlich nicht nehmen, von dem man möglicherweise gute Laune bekommen könnte.

Von meinem jüngsten Besuch im Raimund Theater zehre ich übrigens immer noch.