Meinung | Kolumnen | Stadtgeflüster
02.05.2017

Überfüllt ausgestorben

Vom Michaelerplatz zum Donaukanal muss ich spätestens beim "Meinl am Graben" fluchen

Anna-Maria Bauer | über Touristenhotspots

Eines vorneweg: Ich finde es toll, dass Wien international so beliebt ist. Aber wenn ich an einem Wochenendtag schnell vom Michaelerplatz zum Donaukanal möchte, muss ich spätestens beim "Meinl am Graben" das erste Mal fluchen – weil mir ständig Touristengruppen mit ihren Schirmen, iPads oder Selfiesticks den Weg versperren. Schnell vorankommen?

Fehlanzeige.

Trotzdem: Es könnte viel schlimmer sein. Auf Mallorca verursachen (jährlich elf Millionen) Urlauber nicht nur Staus auf den Straßen und Dreck auf den Stränden, wegen ihnen kommt es auch immer öfter zur Trinkwasserknappheit. Deshalb wurde nicht nur die Touristensteuer wieder eingeführt, auch ein Hotelbaustopp ist in Diskussion.

Venedig könnte indes wegen der vielen Kreuzfahrtschiffe und den (geschätzt 20 bis 30 Millionen) Touristen nicht nur den UNESCO-Welterbestatus, sondern auch seine Einwohner verlieren. Denn derzeit hält die Stadt nur mehr bei 55.000 Venezianern. Vergangenen Donnerstag wurde daher ein Maßnahmenkatalog beschlossen. Mit Drehkreuzen und Personenzählstellen möchte die Stadt die Zahl der Touristen kontrollieren.

"Tourists Go Home!"-Sprüche hört man aber nicht nur bei Protestmärschen in Venedig, man sieht sie auch an Häuserwänden in Barcelona. Die Wohnungspreise in der spanischen Metropole sind nämlich wegen der vielen Privatzimmervermittler rasant in die Höhe geschnellt. Mit Jahresbeginn wurde daher ein Gesetz verabschiedet, das die Schaffung neuer Urlauberunterkünfte im Stadtkern untersagt.

So weit ist es in Wien Gott sei Dank noch nicht. Dennoch ist es gut, dass der Wien Tourismus bereits jetzt darum bemüht ist, die Touristenströme zu entzerren. Damit man beim Billa in der Singerstraße auch in Zukunft nicht mit dem Verkäufer englisch sprechen muss, weil er nur mehr Touristen bedient und das Zentrum der Stadt zwar zum Bersten voll, aber bewohnertechnisch ausgestorben ist.