Meinung | Kolumnen | Sex in der freizeit
26.01.2013

Spezielle Nummern

Heute lebt eine ganze Industrie von der Lust der Leute auf eine Liaison.

Gabriele Kuhn | über Seitensprünge

Im Theater-Stück „Betrogen“ von Harold Pinter (Theater in der Walfischgasse) geht es nicht um einen Scheckbetrüger, sondern um ein Allerweltsereignis: Seitensprünge. Mann betrügt Frau. Frau betrügt Mann. Die älteste Geschichte der Welt – vermutlich war’s schon in der Steinzeit so, dass sich der Urmensch nicht ins fesche Fell geschmissen hat, um ein Mammut zu erlegen, sondern die Frau vom Nachbarn zu vögeln.

Die Autorin Pamela Druckermann schrieb: „So wie in Volkswirtschaften immer ein bestimmtes Niveau der strukturellen Arbeitslosigkeit bestehen bleibt, scheint es in allen Ländern ein bestimmtes Minimalniveau der Untreue zu geben. Etwa 3 Prozent der Männer sind in einem beliebigen Jahr untreu.“ Evolutionsbiologen sagen: Homo sapiens kann gar nicht anders. Stets auf der Suche nach dem optimalen Sperma, den optimalen Eierstöcken – ganz im Sinne der Optimierung – wandern wir suchend umher. Und nehmen, was kommt. Könnt ja sein, dass es passt. Falls nicht: auch wurscht. Wenn doch, nimmt man das passende Pendant, zeugt mit optimalem Sperma und optimalen Eiern optimalen Nachwuchs, um bald festzustellen: Na, so optimal ist es nicht, es könnt ja noch was Optimaleres geben. Die rosa Brille ist futsch, die Tour de Vögel geht von vorne wieder los. Neues Spiel, neue Lust, neues Feuer. Betrügen. Betrogen. Betrübt.

Davon lebt eine ganze Industrie. Detektive, die sich auf die Sperma-Spuren der Betrüger heften, um den Betrogenen zu ihrem Recht zu verhelfen. Womit wir bei den Anwälten sind, die hier anklagend Streitschriften formulieren und sich mit Scheidungen schöne Landhäuser finanzieren. Wo man seine Affäre kennenlernt? Nicht nur in der Bar oder auf Geschäftsreisen. Sondern in einem der vielen Seitensprungportale. Davon gibt es immer mehr – das Geschäft mit der virtuellen Bumserei boomt. So rühmt sich etwa die Lustbörse FirstAffair mit einem durchschnittlichen Zuwachs von 1.000 Neuanmeldungen pro Tag und weltweit über 1,4 Millionen angemeldeten Usern.

Und sonst? Die modernen Medien – von Facebook bis Twitter bis Handy bis E-Mail bis Skype triggern die Fremdgeherei natürlich. Früher musste man kreativ sein, wenn man sich für eine Nacht aus der ehelichen Schlafgemeinschaft stehlen wollte, heute gibt’s für alles ein Tool. Oder Seitensprung-Agenturen, die den Freunden der Horizontale ein schönes Alibi checken. Kostet zwar ein bissel was, kann aber kostbare Momente erzeugen.

Diskretion ist in allen Fällen oberstes Gebot. Weshalb gar nicht so wenige Japaner auf ihren eigenen Techno-Scheiß verzichten und doch lieber bei ihrem Alt-Gerät bleiben: dem Fujitsu-Klapphandy, das in Insiderkreisen auch Uwaki Keitai genannt wird. Das ist – eh logisch – Japanisch und heißt so viel wie Seitensprungtelefon. Der alte Krempel hütet ohne großen Aufwand (bei Smartphones muss man mit Codes oder Mustern die Ehe-Leute vom Spionieren abhalten) das süße Geheimnis. Man kann auf diesem Handy spezielle Nummern verbergen, sodass die speziellen Nummern mit den speziellen Nummern möglichst ungeahndet bleiben. Und das klingt jetzt komplizierter als es ist.

gabriele.kuhn@kurier.at