Außer Kontrolle

Sexsucht. Das klingt spannend – und nach Filmen, die man sehen möchte. Dass sich dahinter viel Leid verbergen kann, wissen nur wenige. Forscher aus Hannover wollen dem Phänomen nun auf den Grund gehen. Was rund um den Aufruf zu ihrer Studie passierte, sagt viel darüber, wie die Gesellschaft mit dem Thema umgeht.

Sexsucht funktioniert – und zwar als Schlagwort, als Begriff. Wo Sexsucht draufsteht, scheint Abgründigkeit drin. Wir sehen Männer, die am Tropf der Geilheit hängen und nonstop onanieren. Wir fragen uns, warum – und schicken uns an, Sexsüchtige wir angeekelte Voyeure doch irgendwie spannend zu finden. Wie sehr der Begriff tatsächlich funktioniert, zeigt folgende Geschichte: Deutsche Medien veröffentlichten unlängst eine recht trocken formulierte Pressemeldung. So auch die NP („Neue Presse“), eine Zeitung in Hannover. Die Meldung lautete, verkürzt, so: „Der Arbeitsbereich für Klinische Psychologie und Sexualmedizin der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) möchte eine umfangreiche Charakterisierung von Männern mit exzessivem sexuellem Verhalten vornehmen. Hierzu erfolgen Untersuchungen mittels Fragebögen, neuropsychologischen Testverfahren und funktioneller Magnetresonanztomographie (fMRT). Ziel dieser Studie ist die Erforschung klinischer und neurobiologischer Mechanismen der so genannten Hypersexualität oder Sexsucht, um eine differenziertere Therapie ermöglichen zu können. Gesucht werden Männer im Alter von 18 bis 65 Jahren, die unter einer Sexsucht leiden oder das Gefühl haben, dass Ihr sexuelles Verlangen und Verhalten immer weiter außer Kontrolle gerät.“  Dazu wurde noch die Möglichkeit einer Beratung angeboten – sowie „Aufwandsentschädigung“ in Höhe von 100 Euro.

Klinikpackung Taschentücher

Auf der NP-Facebookseite erschien der Artikel unter dem Titel „Freiwillige vor: MHH sucht Männer mit exzessivem sexuellem Verhalten“. Nur wenige Tage später vermeldete die NP einen Reichweitenrekord – innerhalb kürzester Zeit wurde die Story hunderte Male geteilt und kommentiert. Erreichte Personen: ca. 150.000.  Wer jetzt nachliest, merkt: Nicht alle Kommentare fallen – no na –  unter die Rubrik „qualifiziert“. Von der Notgeilheit der Hannoveraner war ebenso die Rede wie vom „leicht verdienten Geld“, tollem Nebenjob sowie „Klinikpackungen Taschentücher“. Fast jedes zweite Posting lautete so: „Na Jens (Uwe,  Hans, etc), das wäre  was für dich!“

Wie ernst darf/muss man das mit der Sexsucht nun wirklich nehmen? Die Grenzen zwischen viel Lust und viel zu viel Lust verschwimmen rasch. Ist jemand, der täglich Sex braucht und sich dazu regelmäßig selbstbefriedigt schon süchtig oder einfach nur sehr lustvoll und potent? Fachleute sprechen daher  auch von Hypersexualität. Die nur dann zum echten Problem wird,  wenn davon Betroffene beginnen zu  leiden und andere mitziehen. Zentraler Punkt ist der Kontrollverlust. Der Zwang, häufig zu masturbieren und viele, viele Stunden  mit Pornos (im Netz) zu verbringen. Das Dramatische: Sexsüchtige vernachlässigen alles – den Job, die Beziehung, das  Leben an sich. Auch Frauen sind davon betroffen.   Sexsucht ist irgendwie hip geworden – Stars sind Sexaholics, ganze TV-Serien handeln davon. Es wird viel spekuliert, klingt ja cool. Wie belastend das Leben  Betroffener und  indirekt Betroffener sein kann, wissen die Wenigsten. Denn nein – Sexsucht ist nicht nur „zu viel des Guten“, sondern Besessenheit. Die Geilheit klebt im Kopf wie chronische Migräne –  nichts hilft dagegen. Much risk, no fun. Daher ist eigentlich nur zu begrüßen, dass es dazu endlich ordentliche Forschung gibt – und Studien.


gabriele.kuhn@kurier.at

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(KURIER freizeit am Samstag) Erstellt am
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