Meinung | Kolumnen | sex in der freizeit
12.11.2016

Sex: Sag was!

Sachen gibt’s. Und zwar immer wieder, völlig unabhängig von Alter und Lebenserfahrung. Womit wir bei der kleinen Geschichte von Frau L wären, die auszog, um mit dem Herrn P ein bisschen Spaß zu haben. Aber leider: des einen Freud, des anderen Leid. Verbunden mit dem Fazit: Man muss echt nicht mehr alles mitmachen.

Sie nestelte an seinem Hosentor, er knöpfte ihre Seidenbluse auf.

Gabriele Kuhn | über des einen Freud, des anderen Leid

Es ist nie zu spät – auch für so manches Erotik-Überraschungsei nicht, wie folgende Erzählung zeigt. Frau L, 43 – ihr Sexualleben betreffend nicht besonders scheu – ist seit drei Jahren Single, aber nicht zwanghaft suchend. Sie nimmt, was sich allenfalls ergibt oder eben nicht ergibt – und das mit Humor. Vor einiger Zeit lernte sie den P kennen – offensichtlich fesch, 40, sportlich und er kann rechtschreiben. Handelsübliches: Man tauschte Handynummer, E-Mail-Adresse, Gedanken. Ein erstes Abendessen, die erste Annäherung. Oh-oh – beide mögen Wok, Rotwein, Big-Band-Sound. P küsst gut, P riecht fein. P hat eine kleine Dachwohnung in Wien 12. Alles planiert für den nächsten Schritt. P lud L zu sich heim – L läutete, P öffnete die Tür. Kerzenlicht, Schmuse-Sound – alles klar. "Jetzt ja nicht über Midlife-Crisis, Kreuzweh oder das schlechte Wetter reden", dachte L. Nach zwei Gläsern Rotwein und acht Smooth-Jazz-Nummern – endlich: Sie nestelte an seinem Hosentor, er knöpfte ihre Seidenbluse auf. Knistern, Atmen – bis P befahl: "Sag was!" Die L so: "Ich bin geil." P hörte in der Sekunde auf zu knöpfeln: "Nein, nein. Nicht so. Erzähl was."
L, gerade drauf und dran hinzuknien, um ihm beim Entkleiden und auch sonst ein bissel behilflich zu sein, hielt inne. Um angestrengt nachzudenken: "Scheiße, was meint der jetzt mit erzählen? Wie mein Arbeitstag war oder was?" Aus dem Bauch heraus entschied sie sich für ein paar Standards aus ihrer Dirty-Talk-Wortschatzkiste. P ließ von ihr ab und dozierte: "So doch nicht. Du musst eine Geschichte erfinden." L hielt erst inne, um dann zu erwidern: "Aha. Ok. Da muss ich jetzt einmal kurz nachdenken." In ihrem Hirn ratterten Drehbücher rauf und runter. Lady Chatterley, Mutzenbacher, Deep Throat. Nichts davon passte. Kunstpause.
P wirkte bereits leicht gereizt, die Beule in seinem Calvin-Klein-Slip schwand. "Also", setzte er an, "wir stellen uns vor, ich bin dein Schüler und du bist meine Turnprofessorin. Ich war schlimm." L schluckte kurz: "Was meinst du jetzt genau mit schlimm?" P: "Ist doch wurscht, irgendwie schlimm halt. Sagen wir, ich habe was Verbotenes gemacht. Alles klar?" L, zögerlich: "Kaugummi gekaut?" P: "Ja, ok, wurscht!" L bemühte sich, den Moment nicht final zu verpatzen und sagte: "Du warst aber heute sehr schlimm. Ich glaube, du musst jetzt bestraft werden. Zieh deine Trainingshose aus." Ps Slip-Beule blieb weiterhin unauffällig, P wurde ungeduldig: "Du musst strenger reden. So richtig vorwurfsvoll. Und du darfst nicht knien, ich muss knien." Dann ergänzte er: "Warte kurz!". L wartete, im Schritt so trocken wie ein Mitteilungsheft. P kam zurück, in der einen Hand eine billige Sporthose, in der anderen Turnpatscherln, schwarz, streng riechend. Zufällig ihre Größe. "Zieh das bitte an." Im Hintergrund wimmerte Donna Summer. Da stand er, der verzweifelte P, mit muffigen Turnschuhen in der Hand und kämpfte um das Überleben seiner Geilheit. Etwas in L verschtüsste sich final. "Wie wär’s wenn du mir das nächste Mal vorab ein Drehbuch des Abends schickst?", war, was ihr zu dieser Verkehrspanne gerade noch einfiel. Eine Stunde später lag sie bei sich daheim im Bett, solo und in einem T-Shirt, auf dem stand: "Come as your are". Aus dem Alles-mitmach-Alter war sie definitiv raus.

gabriele.kuhn@kurier.at