Meinung | Kolumnen | sex in der freizeit
20.05.2017

Spür mich!

"Zärtlichkeiten leben vom Verlangen“, heißt es in einem Sprichwort – das lässt sich auch umkehren, in etwa so: „Verlangen lebt von Zärtlichkeit“. Doch gerade in Langzeitbeziehungen geht das Berühren oft verloren, schade: Denn Berührung ist Erotik zwischen den Zeilen.

Wer gestreichelt wird, erlebt hautnah, wie der Körper ein Fest feiert.

Gabriele Kuhn | über die Erotik der Berührung

Irgendwann hatte sie aufgehört, ihn zu berühren. Anfangs hatte er es gar nicht bemerkt, erzählte der Mittvierziger, der mit seiner Frau seit 22 Jahren verheiratet ist. „Ich bin daran nicht ganz unschuldig, ich war sehr mit mir beschäftigt“, sagte er auch.

Eines Tages, es war ein Sonntag, wachte er auf und überlegte, wann seine Frau ihn das letzte Mal von sich aus umarmt oder sein Hand genommen hätte. Es fiel ihm nicht ein. Sex? Ja. Sie wollte Sex, regelmäßig, bestand geradezu darauf, zwei Mal pro Woche gevögelt zu werden. Es war stets schneller, atemloser, doch immerhin begehrender Sex, der kaum länger dauerte, als vielleicht 7 bis 10 Minuten. Eine Art Fast-Food-Ficken, ähnlich wie der Besuch im Burger-Lokal, wenn man sehr hungrig ist, aber keine Lust hat, sich hinzustellen, um sich eine Mahlzeit zu kochen. Den Hunger killen mit dem Nötigsten und doch irgendwie okay. Wenigstens war dieses Sehnen nach dem Orgasmus noch da. Was allerdings verloren gegangen schien, waren jene Momente, in denen sie einander nah kamen, einfach so. Diese Erotik in diesem Graubereich zwischen Unschuld und Sünde, aber gerade deshalb so spannend. Ihre Hand auf seinem Rücken, seine Hand auf ihrer Hand, beide Hände ineinander verschlungen, Wange an Wange, ein hingehauchter Kuss, flüchtig-zarte Berührung, Streicheln, Streifen, absichtslos und gleichzeitig achtsam.

Berührung bindet

Als der Mann darüber sprach, wirkte er traurig. Als ob man ihm etwas genommen hätte, als ob etwas gegangen wäre, das er nie mehr wiederbekommen würde. Das zeigt sehr schön, wie sehr der Mensch Berührung braucht. Die Wahrheit ist: Wir können ohne Berührung nicht existieren. Das beginnt naturgemäß im Babyalter und zieht sich durch, bis ans Ende der Tage. Denn Sterben ist einfacher, wenn man es nicht alleine tun muss, sondern körperlich spürt, dass da jemand ist. Berührung bindet – dahinter steckt komplizierte Körperchemie. Wer in den Arm genommen oder gestreichelt wird, erlebt hautnah, wie der Körper ein Fest feiert. Nähe, verbunden mit dem Gefühl des Sich-Fallenlassens, Aufgehobenseins löst eine Vielzahl physischer Prozesse aus, die mit der Ausschüttung von Endorphinen, den natürlichen Opiaten des Organismus, zu tun haben. Das ist noch nicht alles. Die wahren Körperabenteuer kommen vom Oxytocin, ein Peptid, das im Gehirn gebildet wird und bewirkt, dass zwei zusammenbleiben. Das ist der Klebstoff, aus dem Langzeitbeziehungen gemacht sind und beruht auf dem (leider nicht ewigen) Kreislauf von Berührungen: Weil ich berührt werde, will ich berühren, fürsorglich sein, liebevoll sein, zusammen sein. That’s Oxytocin! Bevor wir aber in eine Nachmittagsjauserl-Gemütlichkeit abgleiten: Natürlich gibt es ohne Berührung kein Begehren, keine Geilheit, keine Lust. Eine Leserin schrieb mir einmal von einer sexuellen Fantasie, die sie unbedingt einmal mit ihrem Mann umsetzen möchte: „Ich stehe im Supermarkt vor einem Regal, er tut so, als ob er mich nicht kennen würde. Dann geht er an mir vorbei und berührt mich flüchtig am Hintern, ohne zu sprechen. Schließlich fahren wir mit getrennten Autos nach Hause und vögeln.“ Hier geht es um die Idee der flüchtigen Berührung, der intensives Begehren zugrunde liegt und die kaum was tut, aber alles ausdrückt: Ich sehe dich, muss dich angreifen, will dich haben. Und es ist wohl auch die Idee des Fremden. – Was und wie auch immer: Wer in Verbindung bleiben möchte, berührt und lässt berühren.

gabriele.kuhn@kurier.at