Entspannt Euch!

Gut ist, wenn man trotzdem lacht – auch wenn der Sex einmal schlecht, peinlich oder gar nicht ist. Ja, es braucht mehr Entschlossenheit und Mut zum Fehler, zum Hoppala. Beim Sex genauso wie im Alltag. Ein Plädoyer für ein Leben ohne Fotofilter, Retusche und Schein. Und für einen Sex, wie er oft einmal ist: ein Flop, aber durch und durch echt.

Die Sommer sind nicht nur heißer geworden, sondern – auf spezielle Weise – mühsamer. Das mag etwas mit der Sucht der Menschen zu tun haben, überall Fotos von sich zu posten. Oder Fotos von sich und der Gegend, in der sich diese Menschen gerade aufhalten. Wir sind dann mitten im Leben der anderen und sie sind mitten in unserem Leben. Das fühlt sich, auf den ersten Blick, total echt an. Und nah.

Die Freundin X und das Meer. Die Bekannte von Freundin X im Bikini am Pool. Der Freund von der Bekannten der Freundin X beim Beachvolleyball an einem Strand. Sommerfähnchen  hier, Bikini dort. Braune Beine, perfekte Maße, Waschbrettbäuche. Coole Typen.  Jö. Das Blöde daran: Das Meiste davon ist unecht. Bevor der Mensch nämlich sein Selfie frei- und preisgibt, wird es gepimpt, bis der Foto-Filter glüht. Dort ein Blaugrünstich mehr (Wuh, so toll ist das Meer hier!), da eine Falte weniger (Wah, sieht die noch jung aus) und das Gesicht gehört sowieso komplett durchgepinselt. Insta-People sehen ausgeruht, durchgetunt und nahezu perfekt aus. Und auch auf der Kennenlern-App Tinder gibt sich keiner mehr so wirklich „natur“. Einmal drübergehen gehört zum guten Dating-Ton. Man will ja schließlich jemandem gefallen, und nicht nur das: Man will sexy wirken, man will, irgendwann zumindest mal,  gevögelt werden. Aber all diese Perfektion ist Unsinn, weil: Illusion. Es gibt nur wenige Menschen auf dieser Erde, die tatsächlich makellos sind (ich kenne niemanden – aber: Was ist schon makellos?)  Denn eigentlich gilt: Irgendwas ist immer. Cellulitis, Speckröllchen, Flecken, ein Baucherl, ein Pickel, ein Krähenfuß. Na und?

Aber jetzt zum Sex. Ja, auch der ist meist nicht perfekt – mitunter  richtig, richtig schlecht. So what? Sehr großes NA UND, doppelgroßes NA UND! Denn genau betrachtet, SOLL der Sex sogar zuweilen schlecht sein. Weil wir nur im Imperfekten echt sind und Mensch und authentisch. Weil alles andere nur Imitation bleibt,  atemloses Nachhecheln irgendwelcher Bilder, die man irgendwann einmal irgendwo gesehen hat –  in Filmen, in Pornos, in unserer davon gespeisten Vorstellung erotischer Höchstleistungen.  In der gibt es keine Hoppalas, keine unliebsamen Geräusche, keine Lust-Flaute, kein zu frühes Kommen, kein zu spätes Kommen, kein „Ich wart’ auf den Orgasmus, aber er kummt net".

Alles mega - oder?

m Gegenteil: Alles stöhnt, flutscht, macht, kracht, ist mega. Man turnt sich elegant in das Reich multipler Höhepunkte und schaut dabei auch noch so aus, als wäre man gerade den Hochglanzseiten eines Dessouskatalogs entsprungen. Doch in Wirklichkeit ist Sex oft verdammt patschert – er findet nicht in sie, rutscht ab, sie rammt ihm versehentlich das Knie in den Bauch, er hat einen Pickel am Hintern (sie auch), und nein: heute keine Lust auf Blowjob, Halsweh. Echte Menschen, die echten Sex haben, werden nur dann Wunder erleben, wenn sie bereit sind, das Wunder neu zu definieren.  Es ist Sommer, es ist heiß, wir transpirieren, wir haben Sonnenbrand, der Bikini hinterlässt weiße Landschaften auf knallrotem Grund, der Sand scheuert zwischen den Beinen, die Sonnenmilch pickt, die Brüste jucken, Mallorca-Akne!

Entspannung, alles wird gut: dann diesmal eben nicht das große Urlaubs-Vögel-Special mit Orgasmus-Garantie, sondern sanfte Annäherung, müdes Fummeln, Löffelchen, möglichst reibungslos, vielleicht auch schnell. Keinen Marathon oder eben – nur Mut! –  gar keinen Sex. Stattdessen  zärtlich sein, verspielt,  verträumt, in den Tag hinein lebend. So ein Glück.

gabriele.kuhn@kurier.at

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(KURIER freizeit am Samstag) Erstellt am
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