Meinung | Kolumnen | sex in der freizeit
01.04.2017

Alles ist möglich

Ja, es gibt sexuelle Artenvielfalt. Denn in der Tat verlaufen die intimen Lebenslinien eines Menschen in den seltensten Fällen vollkommen geradlinig. Eine Ö-Norm für sexuelle Identitäten gibt es nicht. Und das ist sehr gut so.

Lust ist keine Fixgröße

Gabriele Kuhn | Der Mensch ist nicht das „eine“ sexuelle Wesen mit genormter Geilheit.

"Sind wir nur romantisch gehandicapt oder sind wir Schlampen?“ Ich erinnere mich noch gut an diesen Satz aus dem Erfolgsformat „Sex and the City“. Kaum eine andere Serie hat uns auf so wunderbare Weise die Vielfalt der Liebe, Romantik und Lust vor Augen geführt. Denn irgendwie gilt immer: Nix ist fix. Im Laufe eines sexuell aktiven Lebens durchleben die meisten Menschen unterschiedlichste Phasen. Manchmal vögelt man sich um den Verstand, dann wiederum ist Funkstille, stattdessen erlebt der Verstand sein Allzeithoch.

Wer bitte bin ich sexuell denn eigentlich?

Mal so, mal so ist das auch mit dem Sehnen – es gibt Tage und Stunden da zieht es einen in die verrücktesten und schrägsten Ecken. Weil es denn sein muss – diese Ecken können furchtbar finster, dunkel und „pfuh arg“ sein und trotzdem: Das muss jetzt! Unbedingt. Ein anderes Mal fühlt sich der ganze Irrsinn wie eine Rätselrallye ohne Kompass und GPS an – wer bitte bin ich sexuell denn eigentlich? Und vor allem: wie viele? Denn ja: Sexualität hat unendlich viele Erlebnis- und Gefühlsnuancen – der Mensch ist nicht das „eine“ sexuelle Wesen mit genormter Geilheit. Die Lust entwickelt sich, wächst, schrumpft, biegt ab, steigt um, weicht aus, blinzelt hier, blinzelt dort. Und so kann es kommen, dass eine Frau eines Tages eine Frau sieht und sich denkt: Die ist aber schön, hey, die würde ich jetzt gerne küssen, riechen, fühlen. Oder ein Mann sich plötzlich durch einen anderen Mann erotisch berührt fühlt. Beides bedeutet nicht, dass sich da eine neue sexuelle Ausrichtung für immer und ewig manifestiert, sondern schlicht, dass die Lust keine Fixgröße ist, die es in genormten Sackerln zu kaufen gibt. Und so ist es auch in Ordnung, wenn ein an sich sexuelles Wesen irgendwann einmal seine erotische Null-Phasen hat. Und es ist auch zu akzeptieren, wenn ein Mensch sich ein Leben lang total asexuell fühlt und sagt: Sex? Nein, danke. Das ist gar nix für mich. Es wäre ein großer Fehler, allen Menschen die gleiche sexuelle Identität aufschwatzen zu wollen: So müssen wir vögeln, so müssen wir sein, so ist es gut. Oder: So viele Männer/Frauen musst du mindestens/maximal gebumst haben, so oft solltest du kommen, keine gute sexuelle Biografie ohne Blowjob, Cunnilingus und Missionarsstellung.

Stattdessen: Es ist okay, asexuell zu sein, genauso wie aromantisch oder graysexuell. All das sind Begriffe für die sexuelle Artenvielfalt – und davon gibt es eigentlich eine ganze Menge. Graysexuell etwa – nie gehört? Das sind Menschen, die sich in einem Bereich verortet fühlen, der irgendwo zwischen „sexuell und asexuell“ oszilliert, egal ob hetero- oder aber homosexuell. Vermutlich auch Wenigen bekannt: „demisexuell“. Eine Person, die so fühlt, spürt meist keine sexuelle Anziehung – außer aber sie ist mit einem Menschen sehr stark emotional verbunden. Dann gibt es noch die Lithoromantischen – also Personen, die zwar romantisch empfinden, aber nicht wollen, dass ihre Gefühle erwidert werden. Die Sängerin Miley Cyrus hat uns schließlich den Begriff „pansexuell“ nähergebracht: Und das geht so: Bei dieser sexuellen Orientierung spielt die Geschlechtsidentität der begehrten Person keine Rolle. Cyrus selbst fühlt sich keinem Geschlecht zugehörig, sondern eher neutral.

gabriele.kuhn@kurier.at