Kevin und das Buch

Niki Glattauer
Foto: Miriam Hoehne Niki Glattauer

Weil ja die fröhliche Weihnachtszeit inzwischen von der lustigen Umtauschzeit abgelöst worden ist: Da kenne ich einen Kevin, 9, der dieser Tage eher übel gelaunt versucht, ein Buch an den Mann zu bringen. An den Weihnachtsmann nämlich, nachdem er vom Christkind voll hineingelegt worden ist. Was sich aus einem Briefwechsel ergibt, der mir vorliegt. Per Mail zur Verfügung gestellt von einer Kollegin von der Baustelle Volksschule, Wien. Zuerst Kevins Wunschzettel, Text orthografisch bereinigt:

Liebes Christkind, ich wünsche mir:

1. Nintendo 3 DS

2. iPad

3. Samsung Galaxy SIII Thx glg, Kevin

Darauf das Christkind:

Lieber Kevin!Ich habe keine Ahnung, wovon du sprichst! Kriegst ein Buch. Dein Christkind

Woraufhin natürlich Kevin keine Ahnung hatte, wovon das Christkind da sprach. Buch? Hä? Inzwischen weiß er, dass man das Ding mit den zwei Deckeln so nennt, dessen Seiten alle nicht in den Zoom-Modus wechseln, wenn man sie antippt oder mit dem Finger darüberfährt.

Ja, Herr Staatssekretär Kurz, auch ich bin für mehr Lese- und Sprachförderung. Und verpflichtende Vorschuljahre. Und und und. Aber noch mehr bin ich dafür, dass endlich zusammengefügt wird, was nicht Gott, sondern unsere Gesellschaft unentwegt trennt. Kevin ist in seiner Klasse eines von zwei (!) Kindern mit deutscher Muttersprache. In seinem Bezirk, Wien-Margareten, haben 89 Prozent aller Volksschüler eine andere Erstsprache. In den Hauptschulen sind es sogar 93 Prozent.

Eh nichts Böses, nicht falsch verstehen. In meiner Klasse – seit heuer NMS – sitzt aktuell ein einziges Kind, das altösterreichische Eltern hat, und meine Schüler sind wie man so sagt durch die Bank pipifein. Viele klug, manche fleißig. Alle brav. Deutsch können sie halt nicht. Was also, bitte, soll es bringen, da noch zusätzliche „Ausländer-Klassen“ zu schaffen? Im Gegenteil, Herr Staatssekretär. Mischen! Endlich anständig mischen!

(kurier) Erstellt am
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