Schlechte Noten für deutsches Schulsystem

dpa/Oliver BergARCHIV - Ein sehbehinderter Schüler liest in der Severins Schule in Köln während des Sprachunterrichts mit Hilfe einer Lupe einen Text (Archivbild vom 23.02.2007). Ab 2019 sollen alle Kinder in Brandenburg unabhängig von ihren Voraussetzung
Foto: dpa/Oliver Berg Was Hänschen nicht lernt... Kinder aus ärmeren Familien schaffen es nur selten in höhere Schulen

Die höheren Schulen schaffen den schwierigen Spagat aus Leistungsförderung und Chancengerechtigkeit zu wenig und zu selten.

Sachsen ist das Musterland: Es sei das deutsche „Beispiel dafür, wie ein Schulsystem durchaus leistungsstark und fair zugleich sein kann“, befand eine Studie der Bertelsmann-Stiftung. Das seit der Wende CDU-regierte Ostbundesland gilt ihr als Vorbild für die heikle Kombination aus Kompetenzförderung und Durchlässigkeit. Aber auch da bestehe noch Verbesserungsbedarf, meint die Studie, die überwiegend eine Neuinterpretation und Zusammenfassung bekannter Daten ist. Ihre Ergebnisse sind daher nicht unumstritten. Das Resumée der Studienautoren: „In keinem Bundesland kann von einem hinreichend gerechten Schulsystem ausgegangen werden.“

So seien Schulen in Bayern überdurchschnittlich effizient beim Vermitteln des Stoffs, dafür aber sei der Zugang für sozial benachteiligte Jugendliche zu schwer, fanden die Autoren der Studie unter Führung der Technischen Universität Dortmund. Genau umgekehrt funktioniert dagegen das Schulsystem in Berlin. Hier ist die soziale Durchlässigkeit gut, die Leistungen dagegen sind schlecht.

Was Sachsen besser macht

In Sachsen jedenfalls hätten Kinder aus sozial schwachen Schichten relativ gute Chancen auf einen Gymnasialbesuch und nur wenige blieben sitzen. Trotzdem zählten die leistungsstärksten wie leistungsschwächsten in ihren jeweiligen Vergleichsgruppen zu den besten. Was konkret Sachsen wirklich anders oder besser macht, zeigt die Studie nicht ausreichend auf. Lediglich ein Unterschied wird deutlich: In Sachsen besuchen drei Viertel der Kinder eine Ganztagsschule, in Bayern dagegen nur zehn Prozent.

Eine der großen Schwächen in fast allen Bundesländern findet sich in den Sonderschulen für schwache Schüler: Der Weg führe zu rasch hinein, aber viel zu selten heraus. Dass die Ergebnisse so unterschiedlich ausfallen, liegt daran, dass das Schulwesen in Deutschland die wichtigste aller Länderkompetenzen ist. Hier hat der Bund kaum Eingriffsrechte. Deshalb wird die Schulpolitik auch sehr nach parteipolitischen Vorlieben und regionalen Traditionen gestaltet.

Wie groß diese Unterschiede sein können, zeigt die Studie: So besuchen in Sachsen-Anhalt drei Mal so viele Kinder eine Sonderschule wie im nahen Schleswig-Holstein. In Ländern mit häufigeren Regierungswechseln ist die Schulpolitik damit auch eines der Hauptthemen, zuletzt etwa in Hamburg und Nordrhein-Westfalen. Während in Hamburg die beiden Großparteien sowie revoltierende Bürger-Initiativen vor der letzten Wahl einen zehnjährigen Schulfrieden für den Status Quo schlossen, ist im derzeit rot-grün regierten Nordrhein-Westfalen der Schulkampf in vollem Gang. Ebenso wie im neuerdings rot-schwarzen Berlin beklagen die bestehenden Gymnasien, dass sie zugunsten von neuen Gesamtschulen systematisch benachteiligt würden.

Um die Unterschiede zu verringern, haben sich letzte Woche die Kultusminister der Länder endlich darauf verständigt, zumindest eine einheitliche Matura anzustreben. Derzeit haben laut Tests bayerische Maturanten einen Wissensvorsprung von zwei Jahren gegenüber Berliner Maturanten. Profiteur der Studie ist aber auf jeden Fall Bertelsmann: Der Mutterkonzern des oft erschreckend bildungsfernen Hauptverdieners RTL-TV hat mit ihr sein Image wieder etwas verbessert.

Österreich: Bildungssystem bietet keine Chancengleichheit

Auch im heimischen Schulsystem sind Kinder aus bildungsfernen Schichten massiv benachteiligt. Wie Studien der Arbeiterkammer kürzlich bestätigt haben, sind es vor allem Akademiker und Besserverdiener, deren Nachwuchs erfolgreich höhere Bildung bekommt. Schon in der Volksschule zeigt sich, dass Kinder aus Arbeiterhaushalten bei erwiesen gleicher Kompetenz, etwa beim Lesen und Schreiben, die schlechteren Noten erhalten. Schaffen diese Kinder es danach trotzdem, ebenso gute Noten wie ihre Klassenkollegen aus den Akademikerfamilien zu bekommen, treten sie trotzdem deutlich seltener in die AHS über. Auch schafft es die Volksschule nicht, die mangelnde Lesekompetenz auszugleichen, die Kinder aus bildungsfernen Schichten viel öfter haben. In Österreich, so das Resümee der Studienautoren, wird Bildung also auch heute noch vererbt. Einkommensstarke schaffen es, ihren Kindern deutlich mehr Bildung zukommen zu lassen als ärmere Bürger.

(kurier / Reinhard Frauscher, Berlin) Erstellt am
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