Meinung | Kolumnen | Schule und der Rest des Lebens
14.05.2017

Noten lesen und Weinlesen

Kein Wunder, dass die Feuer der Leidenschaft nicht überspringen, wenn diese schon beim Lehrer nicht vorhanden sind.

Niki Glattauer | über die Schulreform

Ob ich ihm "e i n Argument" nennen können, das für diese "vertrottelte Pseudoschulreform" spreche, wettert Kollege Andreas P. und unterstellt mir (in Worten, die ich hier besser nicht wiedergebe ;- ) sexuelle Absichten, nein, nicht meine Ministerin betreffend, sondern pikanterweise ein Trio aus bekannten Experten, was ja schon insofern lustig ist, als sich Moser-Androsch-Salcher zur Regierungsvorlage negativ geäußert haben.

Glauben Sie mir, Herr P., ich könnte Ihnen -zig Argumente für das Autonomiepaket nennen, verbunden mit der Hoffnung, dass es der Fraktion NN (Njet & Niemals) nicht wieder gelingt, auf den letzten Metern so viel heraus zu verhandeln, dass der Reform ein "NMS"-Schicksal droht (Etikettenschwindel), aber ich habe ein Hauptargument: Diese Reform hat die richtigen Gewinner, nämlich Schüler und Lehrerinnen, und die richtigen Verlierer: eine vor allem auf dem Land aufgeblähte Schulverwaltung, Pfründenbewahrer aller Lager, sowie ein paar höhere Eltern, die jetzt flehen, dass alles bleiben möge, wie es ist, weil sie ihre Schäfchen im Trockenen glauben.

Und jetzt ein Beispiel, nur eines von vielen. Seit Jahren beklagen wir den Umstand, dass Hunderttausende Pflichtschüler in der Sekundarstufe 1 in gut der Hälfte aller Fächer von Lehrerinnen unterrichtet werden, die in diesen Fächern niemals ausgebildet wurden. Aus Gründen der Logistik (und gegen jede Logik) muss in Mittelschulen die gelernte Biologin z.B. Musik oder Turnen unterrichten, der ausgebildete Turner dafür Kunst und die Musikerin Physik. Kein Wunder, dass die Feuer der Leidenschaft nicht überspringen, wenn diese schon beim Lehrer nicht vorhanden sind. Nun endlich würde das Clustern von Schulen – behördlich klug gesteuert und um Gottes Willen NICHT auf freiwilliger Basis, denn dann passiert ’s nie! – dazu führen, dass Lehrerinnen jene Fächer unterrichten können, in denen sie eine Prüfung haben. Die Musik-Lehrerin wäre dann vielleicht an zwei oder drei Schulen Musik-Lehrerin, statt wie bisher an einer, aber die Schüler hätten dann endlich eine, die Strauss von Strauß unterscheiden und besser Noten lesen kann als Weinlesen.