Nowotny: Der Krisenkommunikator

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Ewald Nowotny: In Zeiten der Finanzmarkt-Turbulenzen hat der Nationalbank-Chef das Vertrauen der Regierung und des Publikums.

Freitag, der 13. Jänner 2012. Die Nachricht vom Verlust der Top-Bonität schlägt Wellen. Aufregung in den Regierungskanzleien. Was sagen wir dem Publikum? Die Lösung ist bald gefunden: Ewald Nowotny muss ins Fernsehen. Der oberste Währungshüter mit der professoralen Aura soll die Staatsbürger beruhigen. Die Lage sei ernst, aber nicht dramatisch, lautet seine Botschaft.

In seinem Büro in der Chefetage der Nationalbank: Ewald Nowotny musste lange auf die große Karriere warten. Nun macht der 67-Jährige den Job mit umso mehr Energie und Freude.
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Seit Bankenkrisen, Finanzmarktturbulenzen und Staatsschulden die politische Agenda bestimmen, ist der Gouverneur der Nationalbank zu einem der wichtigsten Berater der Bundesregierung avanciert. Ob es sich um eine formelle Regierungsklausur oder informelle Krisengipfel handelt – Nowotny ist stets dabei. Speziell der Kanzler setzt zunehmend auf die Expertise des Notenbankers, am vergangenen Donnerstag nahm Werner Faymann ihn mit zum Krisen-Tête-à-Tête mit Angela Merkel. Auch bei Bundespräsident Heinz Fischer ist Nowotny kontinuierlich zu Gast.

„Vor dem Hintergrund ständiger Hiobsbotschaften von den Finanzmärkten kombiniert mit dem erschreckenden Mangel an Finanzwissen in dieser Bundesregierung wird die Rolle des Nationalbank-Gouverneurs deutlich aufgewertet“, befundet ein ÖVP-naher Banker.

"Wissenschaftliche Substanz"

Ratgeber: Mit Faymann bei der Klausur am Semmering.
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Mangel an Finanzwissen kann man dem Notenbanker tatsächlich nicht nachsagen. An sein Jusstudium hängte Nowotny eine Ausbildung zum Volkswirt und habilitierte sich in diesem Fach. Als Wissenschafter brachte er es bis zum Vize-Rektor der Wirtschaftsuniversität Wien. „Bei der Bewertung aktueller Krisenthemen merkt man, dass Nowotny wissenschaftliche Substanz hat. Er kann auf Theorien zurückgreifen, ganz nach dem Leitsatz, es gibt nichts Praktischeres als eine gute Theorie“, erzählt ein Banker.

Aber Nowotny ist kein bloßer Theoretiker. Er hat mit der Bewältigung der Bawag-Krise einen Praxistest bestanden, der Banker-Kollegen heute noch Respekt abringt. Die Gewerkschaft hatte Nowotny zum Bawag-Chef gemacht, ihm aber die Milliardenverluste in der Karibik verschwiegen. So stand er als neuer Kapitän auf einem sinkenden Schiff und wusste nichts vom Leck im Boden. Und schon gar kannte er dessen Ausmaß. „Hätte ich das vorher gewusst, hätte ich den Job nicht angenommen“, sagt Nowotny im Rückblick. Dennoch: Der Albtraum endete mit der Rettung der Bawag , und dies wiederum empfahl Nowotny für den Chefposten in der Nationalbank. Den hatte zuvor noch nie ein Sozialdemokrat inne gehabt. „Der Widerstand der ÖVP gegen die Bestellung Nowotnys war gering. Das hatte auch damit zu tun, dass der damalige Vizekanzler Wilhelm Molterer große Stücke auf ihn hält“, erinnert sich ein Zeitzeuge.Für Nowotny ging ein Traum ein Erfüllung – wenngleich er sich vom ersten Arbeitstag an, den 1. September 2008, im Auge des nächsten Krisenorkans befand.

Kontinuierlicher Kontakt: Mit Fekter, Fischer und Trichet.
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Bis zu seinem 61. Lebensjahr hatte Nowotny ein ruhiges Berufsleben in der beschaulichen Atmosphäre wissenschaftlicher Institute verbracht. Auch im Parlament, wo er zwanzig Jahre für die SPÖ als Finanzsprecher fungierte, hielt er sich aus dem parteipolitischen Schlachtengetümmel heraus. An die vorderste Front, wo es turbulenter zugegangen wäre, ließ ihn seine Partei nicht. Kanzler Franz Vranitzky berief 1994 lieber den unerfahrenen Andreas Staribacher zum Finanzminister und Viktor Klima zog 1997 den Wiener Stadtrat Rudolf Edlinger vor. Gekränkt zog sich Nowotny aus der Politik in die europäische Investitionsbank zurück.Doch mit 61, wenn andere längst ihre Frühpension genießen, ging’s für Nowotny richtig los. „Der Job in der Notenbank macht ihm extrem viel Freude. Das spürt man. Die früheren Enttäuschungen und dass er so lange warten musste, dürften ein Grund dafür sein“, meint ein Beobachter.

Nowotny, Treichl: Grollen wegen hoher Bankenabgabe.
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Trotz seiner 67 Jahre spult Nowotny Termin um Termin ab, jettet nach Frankfurt zu den Ratssitzungen der Europäischen Zentralbank, fliegt nach London zu Bankenaufsicht, hält Kontakte in die osteuropäischen Länder. „Er hat eine bemerkenswerte Konstitution“, sagt ein Mitarbeiter. „Er ist unerschütterlich. Es kann kommen, was will, Nowotny ruht in sich selbst“, erzählt ein anderer. „Er hat eine unglaubliche Selbstsicherheit. Es kommt ganz selten vor, dass er nervös ist. Wenn das wirklich einmal der Fall ist, merkt man es daran, dass er sich eine Pfeife anzündet, um sich zu beruhigen.“Nowotnys unerschütterliche Freundlichkeit und Ruhe hat seine Umgebung gelehrt, kleine Zeichen zu deuten, Zeichen, die das Publikum auch von seinen Fernsehauftritten kennt. Wenn ihm etwas unangenehm ist, beginnt er zu hüsteln und murmelt etwas wie: „So kann man das nicht sehen.“ Das ist bei ihm der äußerste Akt an Aggression. Erstaunlicherweise hat sich der zurückhaltende, fast schüchterne Top-Ökonom dennoch mit einigen Seilschaften und Lobbys angelegt. Die alte Garde in der Nationalbank hat ihm nicht verziehen, dass er das luxuriöse Dienstrecht der Währungshüter in Frage stellte und einige Privilegien beschnitt. In den Banken schmollt man, weil die Nationalbank die im Vergleich zu Deutschland hohe Bankenabgabe von 500 Millionen Euro für „verkraftbar“ erklärt hat. „Da ist der Politiker mit ihm durchgegangen“, argwöhnt ein Banker.Uneingeschränktes Lob erhält Nowotny für seine Performance in der EZB, dem derzeit wichtigsten Hort der Euro-Stabilisierung. Ein Banker: „Er genießt dort aufgrund seiner hohen Expertise wirklich große Reputation. Das als färbt positiv auf Österreich ab.“Nicht nur im Kreis der Notenbanker ist Nowotny gut angeschrieben. Das Meinungsforschungsinstitut OGM erhob, wem die Österreicher in der Euro-Krise vertrauen. Als bestplatzierter Österreicher belegt Nowotny Platz 3. Vor ihm sind nur noch Angela Merkel (2. Platz) und Barack Obama.

Zur Person: Mit den Eltern bei Tisch Latein gesprochen

Persönliches Ewald Nowotny, geboren am 28. Juni 1944 in Wien, ist mit einer Burgenländerin verheiratet. Das Paar hat einen erwachsenen Sohn und bewohnt ein Haus in Hietzing. Ewald Nowotny ist kein reiner Zahlenmensch, sondern ein Humanist. Seine Eltern waren Altphilologen, bei Tisch unterhielt man sich gelegentlich auf Latein. Zum Ausspannen macht Nowotny gern lange Spaziergänge im Wienerwald („Um über die großen Linien nachzudenken“) oder Segeltörns am Traunsee.Karriere Jusstudium, Volkswirtschaftsstudium und Habilitierung; Uni-Professor, Vizerektor an der WU-Wien. 1979 bis 1999 Abgeordneter im Nationalrat (SPÖ), danach Europäische Investitionsbank, Bawag, Nationalbank.

Erstellt am 21.01.2012