Paaradox: Laster-Fahndung

© Illustration: Andrea Kritzmanich

Meinung Kolumnen Paaradox
05/26/2012

Paaradox: Himmel, Hölle, Herzattacken

Fast alles ist gut! Schön ist, wenn es die Erkenntnis gibt, dass viele gemeinsame Jahre der Liebe nichts anhaben konnten. Wäre da nicht das Dilemma mit ihrem Reden und seinem Schweigen.

Sie

Ich schaue das ja nie – umso erstaunlicher für mich: Die Herzschmerz-Soap "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" (kurz: GZSZ) ist ein Dauerbrenner. Wahnsinn. 5000-mal "Ich seh’ in dein Herz, sehe gute Zeiten, schlechte Zeiten, ein Leben, das neu beginnt ..." wurden gerade gefeiert. 5000-mal Liebe, Freundschaft, Probleme, Sucht. 5000-mal Himmel, Hölle, Herzattacken.

Wir zwei sind zwar nicht im Fernsehen, aber eine Beziehung ist auch nicht viel anders als eine Soap-Opera. GZSZ – davon haben der da drüben und ich schon jede Menge hinter uns. Mit einem – no na – klaren Überhang an GZ. Also! Hoch die Tassen für ungefähr 5110 Tage und Nächte Himmel, Hölle, Herzattacken.

Kabarett

Als staatlich geprüfte Ehefrau sage ich da nur: Was braucht’s Gruppentherapien, wo Menschen auf Sandsäcke hauen, urschreien und schließlich in die Stille gehen?! Das hat unsereins alles daheim – gratis, verhaltensorigineller, Verpflegung inklusive. Jeder Tag mit dem Herzi ist ein Blick in den Restmüll der eigenen Seele und ein kleiner Ausflug ins Kabarett Leben. Wer das nicht kapiert, hat sich nicht kapiert.

Bitte, weil wir schon dabei sind: Nehmen wir das wunderbare Thema Stille – die ist ja gerade sehr gefragt. Wenn’s darauf ankommt, und er sich für irgendeine Keppelei von mir (Duhu, unser Schlafzimmersessel schaut aus wie ein Messie-Vergnügungspark – und nein, nix davon ist meins.) spontan ein bisserl rächen möchte, ist der Mann nebenan ein Landesmeister im Nix-Sagen und Nix-Hören.

Raffiniert

Da habe ich einen Verdacht: Ich glaube, nur dafür wurde die Tageszeitung erfunden. Das geht so: Erst erkennt er an meinem Tritt, wann ich anmarschiere, um Anklage zu erheben. Sodann verschanzt er sich in der Sekunde hinter der Zeitung – hinter Schlagzeilen wie "Darmkeime global im Anmarsch". Was für eine Raffinesse! Mein Toben muss erst einmal die globale Darmkeim-Schranke passieren und kommt schallgedämpft und zeitverzögert bei ihm an. Deshalb braucht er dann auch zwei elende Minuten, um gelangweilt und lässig zu sagen: Was hast g’sagt? Hast überhaupt was g’sagt?

Das hat – gelassen betrachtet – fast schon etwas Absurdes. Erst scheitere ich am Darmkeim, dann an Ohrmuschel-Inkontinenz. Man hat die Wahl: Ehekrise oder Hör­apparat zum Vatertag. Noch mehr Rage oder ein gemeinsames Glasl Rotwein. Wenn’s drauf ankommt, sind wir ja eher die Rotweintypen. Tja: "Einer der größten Nachteile der Liebe ist, dass sie, zumindest eine Weile, Gefahr läuft, uns glücklich zu machen." (aus "Versuch über die Liebe"). Für das, was nach der "Weile" kommt, gibt’s leider kein Handbuch.

Er

Der zweitgrößte Fehler, den man machen kann, ist, gleich einmal den ersten Hochzeitstag zu vergessen. Der größte Fehler, den man machen kann, ist, darüber zu schreiben.

Erst kürzlich begegnete mir die sehr geschätzte Kollegin A., und noch ehe ich "In der Kantine gibt’s Gulasch" sagen konnte, schleuderte sie mir schon entgegen: "Also, mein Mann ist wirklich ein echter Macho. Aber den Hochzeitstag hat er nie vergessen." Das saß. Immerhin verzichtete sie auf den Nachsatz "Schäm dich".

Und auch sonst zeigte sich die Tagmerker-Fraktion von ihrer vorwurfsvollsten Seite. Da nützt es auch nix, wie ein Ritter von der feurigen Gestalt Komplimente zu verteilen. Und zu sagen: Ich würde diese wunderbare Frau sofort wieder heiraten. Wenn es sein soll, sogar am gleichen Juni-Tag. Das Datum kenne ich mittlerweile.

Galopp

Aber jetzt die Erklärung, warum ich einst nicht mit einem Röslein zwischen den Zähnen auf die Knie fiel, um dem Jahrestag zu huldigen. Ich war zwar auf den Knien, aber ich hatte ein Seil im Mund. Und auf meinem Rücken saß mein Kind, das mich anfeuerte, schneller als die anderen Papas über die Breitenbrunner Wiese zu galoppieren – Ausflug an den See, zelteln mit der Kindergruppe. Dabei tanzte ich Hula-Hoop, hüpfte Sack, spielte Fangen, animierte, harmonierte, zelebrierte. Ich war just am ersten Hochzeitstag hundert Prozent Vater. Und das tut mir immer noch nicht leid. So!

Durchkauen muss ich das aber nicht. Ich habe grundsätzlich keinen Hang, Petitessen ausführlich in allen Details zu besprechen. Ich muss nicht aus jeder Ärgermücke einen Krisenelefanten machen. Das Problem: Meine Frau gönnt mir keine Schweigeminuten. Sie ist von der Alles-auf-den-Tisch-Philosophie beseelt: Wo Gefühle filetiert und mit zahllosen Prisen Erleuchtung gewürzt werden.

Fragen

Sie sagt: "Was ist los"? Nix. "Aber geh, ich kenn’ dich doch, sag’ schon!" Es is’ nix. "Doch." Nein. "Ohja." Neeeeihein. Dann beginnt der investigative Teil: "Ist es wegen der Arbeit?"

Nein. "Wegen des Fußballs?" Nein. "Wegen mir?" Allmählich. "Wegen was sonst?" Es ist nix. Bis zum großen Finale der Weisheiten. Wie: "Wer ewig schluckt, stirbt von innen." Oder: "Du tust dir mit dem ewigen Ausblenden selbst nichts Gutes." Oder: "Jede Öffnung ist auch eine Weiterentwicklung."

Ja, eh. Danke. Aber genau darauf darf man auch gelegentlich keine Lust haben. Deshalb bin ich noch lange kein Streitkulturbanause.

Reden ja. Aber nicht um des Wettstreits wegen, wer Vorwürfe und Erkenntnisse besser formulieren kann.

Dann lieber Stille.

Und sich Jetzt liebe ich dich justament denken.