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18.03.2016

Big Oma

Auf dem Land zu leben ist, als ob man in einem Big Brother-Container wohnt

Mag. Natascha Marakovits | über ländliche Reality-Shows

Kennen Sie noch die Reality Show "Big Brother"? Im Jahr 2000 sind für die deutsche Fernsehsendung erstmals 13 Bewohner in einen Container gezogen, um sich rund um die Uhr und in allen erdenklichen Lebenslagen filmen zu lassen – freiwillig. Da wurde gelästert, gestritten, aber auch – um es jugendfrei auszudrücken – geliebt. Hemmungslos, ohne jede Rücksicht auf Verluste. Imageschaden? Egal, Hauptsache im Fernsehen. Der Spruch "Big Brother is watching you" war Programm.

Das Jahr 2000 war es auch, als ich dem Landleben auf Wiedersehen gesagt habe. Dass ich mich bis dahin quasi selbst in einem Big Brother-Container befunden hatte, wurde mir erst im Laufe der nächsten Jahre als Städterin bewusst. Denn auf dem Land zu leben ist, als ob man in einem Schaufenster eines Geschäfts oder eben in einem Big Brother-Container wohnt – jeder weiß von jedem alles. Das beginnt beim Klatsch und Tratsch über die neue Frisur der Nachbarin, dem Gemunkel über einen Lottogewinn, wenn plötzlich ein neues Auto vor der Tür steht und geht bis zu dem Gerede, zu welcher Uhrzeit der untreue Ehemann nach Hause gekommen ist. Selbst welche Unterwäsche man trägt, kann nicht verborgen werden, so fein säuberlich wird sie auf der Wäscheleine im Garten präsentiert.

"Wos werden do die Leit sogn?", hat meine Oma immer gesagt. Egal ob ich am Sonntag nach einer Partynacht lieber ausschlafen, als in die Kirche gehen wollte. Meine Haarfarbe einmal von blond auf rot auf schokobraun und schließlich wieder zu blond wechselte oder ich gerne auch bei über 30 Grad im Schatten durch die Gegend lief, während sich das ganze Dorf am liebsten in einem kühlen Erdloch verkrochen hätte – die größte Sorge meiner Oma war: "Wos werden do die Leit sogn?"

Gesagt haben sie sicher viel. Ob sie auch über mich geredet haben? Wahrscheinlich. Ich weiß es nicht. Denn im Nachhinein bin ich draufgekommen: Big Oma was watching me.

eMail: natascha.marakovits@kurier.at