über Jan Böhmermann
05/15/2016

Ohne Scheu vor Schadenfreude

von Doris Knecht

Das Social-Media-Hirn vergisst schnell - da war doch was?

Doris Knecht | über Jan Böhmermann

Der deutsche Komiker und TV-Talker Jan Böhmermann hatte am Donnerstag ein krachendes Comeback. Sein "Magazin Neo Royale" schleuste im Rahmen der Rubrik "Fernseh-Nothilfe" einen erfundenen Kandidaten in die RTL-Sendung "Schwiegertochter gesucht" und machte RTL damit zum 10. Geburtstag der Sendung ein zweifelhaftes Geschenk. Eines, das Auswirkung auf das Doku-Fernsehen insgesamt haben wird, wenngleich wohl nur eine vorübergehende. Das Social-Media-Hirn vergisst schnell, das zeigt ja auch der Fall Böhmermann selbst. Da war doch was? Ja, er hat mit einem Gedicht, in dem er den türkischen Präsidenten beleidigte, eine Staatskrise ausgelöst. Aber so viel, wie einem täglich an Irrsinn durch die mediale Time-Line gespült wird, gerät derlei schnell in die verborgeneren Ecken des Bewusstseins.

Die Scripted-Reality-Formate, wie "Schwiegertochter gesucht" eines ist, beziehen seit der ersten Big-Brother-Ausstrahlung vor mehr als 15 Jahren ihren Erfolg aus dem wohligen Ekel, den sie beim Publikum auslösen – und von den Überlegenheitsgefühlen, die daraus entstehen, dass da Menschen vorgeführt werden, deren Leben definitiv schlechter ist als das des Zusehers und der Zuseherin. Also: unseres. Man zeigt uns Leute die hässlicher sind, dümmer, trauriger, verwahrloster, versoffener, aggressiver, Leute, die sich noch weniger im Griff haben als die Leute, die vor dem Fernseher sitzen und ihnen dabei zuschauen, also: wir. Das gibt uns fürs eigene Leben ein besseres Gefühl, wir sind ja keine solchen Totalversager, wir versagen bitte viel weniger, also: alles gut. Oder.

Natürlich hat man das, was Böhmermann da bewies, längst gewusst, aber er bewies es sehr lustig und, das kann Böhmermann am besten, ohne Scheu vor Schadenfreude. Und die Methoden, die er da aufdeckt, sind fragwürdig genug, dass RTL schon am nächsten Tag das Team auswechselte, was natürlich in Wirklichkeit nichts besser macht. Das Problem sind die Sendungen selbst. Und die gibt es aus einem Grund: weil jemand sie will; wir.

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