Knecht
12/19/2015

Das Gefühl des Angekommenseins

von Doris Knecht

Es ist nur ein Luxus-Problem, eine von Sentimentalität versaute nostalgische Anwandlung. Aber dass ich heuer zum ersten Mal nicht vom Westbahnhof in die Weihnachtsferien fahren soll: das macht schon ein bisschen traurig. Es tut mir leid um den Westbahnhof, um dieses schöne, zentrale Areal, das jetzt nur noch eine Shopping Mall ist, mit einem bissl Regionalbahnhof, dessen Reichweite in St. Pölten endet.

Jedes Jahr, seit man in Wien lebt, ist man mit Weihnachtsgeschenken im wie immer viel zu großen Gepäck, mit Kind und Kegel dort anmarschiert und hat sich in den Zug Richtung Zürich gesetzt. Wir kauften – früher noch oben, direkt am Bahnsteig – Zeitschriften und Sandwiches, buckelten dann den endlosen Bahnsteig entlang und wunderten uns jedes Mal aufs Neue, dass ein Zug derart viele Waggons haben kann. Und fragten uns, ob das Ende dieses Bahnsteigs überhaupt noch in Wien liege.

Aber noch viel bedeutender war der Westbahnhof, wenn man aus der anderen Richtung dort ankam. Die Worte "Wir erreichen in Kürze den Westbahnhof" hießen soviel wie: Du bist zu Hause. Du bist wieder da. Wenn man im Ländle aufgewachsen ist, bleibt man für immer ein bisschen Vorarlbergerin: Aber ich kann mich nicht daran erinnern, dass ich je ohne ein Gefühl von elementarer Dankbarkeit am Wiener Westbahnhof aus dem Zug stieg. Kein anderer Ort auf der Welt hat das Gefühl des Angekommenseins, des Richtigseins, des Glücklich-wieder-Daheimseins stärker und öfter ausgelöst als dieser Ort, als diese gläserne Halle.

Das begann, als ich das erste Mal am Westbahnhof ankam, zur großen Friedensdemonstration 1982, in einem Pulk friedensbewegter Menschen, von denen allerdings durch die lange Zugfahrt nicht mehr alle vollkommen nüchtern waren. Es war ein wilder, wilder Westbahnhof, der für mich an diesem Wochenende zum Sehnsuchtsort wurde: Das Eingangstor zur Freiheit sozusagen, das Portal zu einer ganz neuen und vor allem viel, viel größeren Welt als jener, aus der einen der Zug gebracht hatte. Und noch ein paar Mal bringen würde, bevor man ein paar Jahre später nicht mehr nur nach Wien fuhr, sondern: heim.

Der Westbahnhof ist jetzt Geschichte, persönliche und gern erinnerte: baba.

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