Alle 3,5 Stunden schließt ein Bauernhof

Derzeit sehr erfolgreich im Kino: "Bauer unser". Diesen Dokumentar-Streifen von Robert Schabus sollte sich wirklich jeder anschauen, der manchmal ein landwirtschaftliches Produkt kauft und konsumiert: also jeder. Ich habe selten so viel und so komprimiert über die österreichische und europäische Agrarwirtschaft gelernt wie in diesen 90 Minuten: Wenn man aus dem Kino kommt, weiß man nicht nur, wie es um die österreichischen Bauern steht, sondern auch, warum.

"Bauer unser" ist ein Film, der große Betroffenheit auslöst. Regisseur Schabus porträtiert darin mehrere österreichische Bauern, große und kleine, bio und Massentierhaltung. Einer der Bauern erzählt, dass er sich einmal die Zahlen der in den letzten zwanzig Jahren zugesperrten heimischen Höfe genau angeschaut und dabei umgerechnet hat, dass diese zwanzig Jahre lang alle dreieinhalb Stunden ein österreichischer Bauer seinen Hof und seinen Beruf aufgegeben hat. In Frankreich nehmen sich jedes Jahr 600 Landwirte das Leben, weil sie nicht mehr weiterwissen. Man muss sich das einmal vorstellen; die Tragödie jedes Einzelnen, 600-mal.

Filmemacher Schabus versucht darzulegen, warum das so ist. Was die Deregulierung des EU-Agrarmarktes für die einzelnen heimischen Landwirte bedeutet. Wie die Bauern für ihre Milch immer weniger bekommen, zum Ausgleich der Einbußen mehr produzieren und damit den Milchpreis weiter senken. Wir sehen eine zusehends industrialisierte Landwirtschaft, mit Bauern, die sich gezwungen sehen, immer mehr und immer billiger zu produzieren, und die sich trotz unglaublicher Anstrengungen immer tiefer verschulden: gefangen in einem, wie ein Bauer sagt, "ganz fein gesponnenen Netz von Funktionären". Nur der EU-Kommissar sieht im Interview eine "strahlende Zukunft" für die grenzenlose europäische Agrarwirtschaft ... "Bauer unser" ist aber nicht nur pessimistisch: Er zeigt auch Gegenbeispiele, die eine Idee davon vermitteln, dass es auch anders gehen könnte. Warme Empfehlung.

(kurier) Erstellt am