Meinung | Kolumnen | Knecht
22.12.2012

Aber jetzt erst einmal Heiligabend

Unpersönlicheres als herzliche Weihnachtswünsche von Maschinen an Maschinen kann ich mir nicht denken

Doris Knecht | über Weihnachtswünsche

Endlich Weihnachten. Die Geschenke für die Kinder sind eingepackt und im Keller gut versteckt, die Oma schmückt schon den Baum, der Opa schenkt seinen Freunden und Verwandten, die auf der Flucht vorm eigenen häuslichen Weihnachtswahnsinn auf einen Sprung vorbeischauen, einen Schnaps ein. Die Kinder fahren draußen mit den Cousinen auf den Rädern statt mit den Schlitten herum; kein Futzelchen Schnee mehr, alles weg, viel zu warm heuer.

Ich lösche inzwischen ca. 400 elektronisch generierte An-alle-Weihnachtswünsche vom Computer und vom Handy: ein Drittel von Menschen, die ich nicht kenne, ein Drittel von irgendwelchen Firmen und ein Drittel von Leuten, die sich vermutlich nicht einmal mehr erinnern können, dass ich existiere (aber ihr Mailbox-Adressbuch kann). Und dann noch die elf identischen Weihnachtsfotos der ehemaligen Hort-Betreuerin, die sich irgendwie vertippte.

Fürs nächste Jahr wünsche ich mir, dass wir das bitte alle wieder lassen, denn etwas Unpersönlicheres als herzliche Weihnachtswünsche von Maschinen an Maschinen kann ich mir nicht denken.

Nein, stimmt nicht: Massen-SMS-Neujahrswünsche am 1. 1. um 0.20 Uhr lösen eine ähnliche Begeisterung aus: Wie nett! Da hat einer auf einen Knopf gedrückt und alle seine 4000 Telefon-Kontakte gleichzeitig mit der identischen Guten-Rutsch-SMS beglückt! Lieber gar nicht als so.

Aber jetzt erst einmal Heiligabend. Und Kerzenschein und Weihnachtslieder und der Bariton vom Opa und Geschenke im Glitzerpapier und Kinderaugenglanz. Und Fondue und wie immer viel zu viele von den fantastischen Keksen, die die Oma mit ihrer Schwester auch heuer wieder in 15 Sorten und in Großfamilien-Mengen gebacken hat. Und ein paar Tage Post-Weihnachtsruhe und Familie und nettes Geplauder zum Soundtrack des neuen Spielzeugs ... Schön. Und auch wenn das hier nicht persönlicher geht: Frohes Fest allen Leserinnen und Lesern! Lassen Sie es glitzern, feiern Sie schön.

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