hund & HERRL: Tai Chi

hund & HERRL: Tai Chi © Bild: KURIER

Barolo und die Kunst des Schattenboxens.

Der Mann stand mitten im Stadtpark. Er strahlte große Ruhe aus, obwohl er nicht still stand. Er bewegte sich. Er trug einen weißen, weiten Baumwollanzug und ließ eine Welle der Kraft und der Bewegung durch seinen Körper fließen. Er praktizierte die chinesische Kunst des Schattenboxens, Tai Chi. Tai Chi ist eine "innere Kampfkunst" für den "bewaffneten oder unbewaffneten Nahkampf", und obwohl der Mann ganz bestimmt nur die Geschmeidigkeit seines Körpers im Kopf hatte, missverstand mein Hund Barolo das Schauspiel. Ich sah, wie der Hund seinen Körper versteifte, die Schnauze weit nach vorne, Schädel, Rücken und Schwanz eine gerade Linie wie ein abschussbereiter Pfeil. Der Übende nahm keine Notiz von meinem Hund. Er war in Konzentration versunken, die leicht geschürzten Lippen verliehen seinem Gesicht einen etwas selbstzufriedenen Ausdruck. Mein Hund hingegen hob in voller Anspannung jetzt auch noch die rechte Vorderpfote, was dem energischen Bild des jagenden Raubtiers etwas ungewollt Witziges hinzufügte. Mir fiel auf, dass mein Hund auf den Übenden reagierte wie auf ein Tier - noch nie hatte er einen Menschen so angestarrt, bloß andere Hunde, die ihm entgegenkamen - und ich hatte keine Ahnung, ob er jetzt losstürmen würde, ob er den Übenden anbellen, anknurren, die Hand abschlecken wollte: aber er wollte gar nichts. Er senkte den erhobenen Vorderfuß, hob den anderen. Begann mit dem Kopf zu kreisen, den Rücken durchzudrücken, den Körper in Schwingungen zu versetzen, bis ich begriff: mein Hund übte. Er verstand gar nichts miss. Er nahm gerade seine erste Lektion in Tai Chi.

Erstellt am 05.12.2011