über den Skisport
02/03/2015

Gewinnen ist auch eine Stilfrage

Warum der ÖSV eine Materialreform vorantrieb, und wieso ich von Anna Fenninger so viel halte.

Am Beispiel von Fenninger wurde mir besonders bewusst, wie viel Geduld auf dem Weg zur Weltspitze erforderlich ist

Hubertus Hohenlohe | über den Skisport

In den USA gibt es viele Sportarten, in denen das sogenannte Winning Ugly (Schmutziges Gewinnen) praktiziert wird. Mir fällt dazu John McEnroe ein, der seine Eskapaden nutzte, um seinen Tennisgegnern den Rhythmus zu brechen. Oder Mike Tyson, der barbarisch seinem Herausforderer das Ohr abbiss, wenn er ihn nicht schon bis Runde zwei k. o. geschlagen hatte. Gewinnen um jeden Preis ist die Devise: Auf Fair Play und Style wird gepfiffen.

Das aktuelle Beispiel für Winning Ugly lieferte der American Football vor dem Super Bowl. Die Regel, wonach jedes Team für ihr Offensivspiel eigene Bälle verwenden darf, wurde von den New England Patriots im Semifinale zu einem Trick missbraucht, der es ihrer Quarterback-Legende Tom Brady ermöglichte, präziser zu werfen. Auf dem Transport von der Kabine aufs Spielfeld sollen die Bälle auf wundersame Weise Luft verloren haben. Der Gegner wurde zerstört, aber Brady verlor seine ganze Glaubwürdigkeit und Winning Ugly war in aller Munde.

Ich kenne zwar keinen präzisen Fall von Winning Ugly im Skisport, aber mit etwas Fantasie lässt sich ein Winning Ugly in die Materialreform hineininterpretieren, die auf Betreiben des ÖSV bei den Riesenslalom-Skiern zu einem Radiuswechsel von 27 auf 35 Meter geführt hat.

Fragwürdige Reform

Der ÖSV hatte Salzburger Wissenschaftler mit einer Studie über die Sicherheit der RTL-Ski beauftragt. Überraschendes Ergebnis: die Carvingski wären zu aggressiv, man verletze sich zu oft und zu schnell. Also wurde durchgesetzt, dass wieder Modelle wie vor 15 Jahren gefahren werden: 35-Meter Radius bei einer Skilänge von 1,95 Metern steht seither im Vorschriftenbuch der FIS. Einige Spitzenläufer wie Carlo Janka erlebten einen Karriereknick, andere zerbrachen gänzlich am Material.

Es ist ein offenes Geheimnis, dass der wahre Grund für den zur Reform führenden ÖSV-Studienauftrag die unerträgliche Dominanz der Head-Ski im Riesenslalom gewesen sein dürfte. Die Herren Präsidenten wollten die endlose Siegesserie von Ted Ligety mit dieser List stoppen.

Jedoch: Laut Statistik gab es seither bei jungen Fahrern nicht weniger, sondern sogar mehr Verletzte. Ganz abgesehen davon, dass sich Ligety durch die gegen ihn gerichtete Reform nicht bremsen ließ. Vielmehr wurde der Head-Pilot mit bzw. trotz der neuen Modelle 2013 Dreifach-Weltmeister, 2014 Olympiasieger und Riesentorläufe beherrschte Ted zeitweise nach Belieben.

Erst heuer besiegte ihn Marcel Hirscher mit neuer Bindung und neuer Bindungsplatte in einigen Rennen . Und ich denke mir: Warum hat Hirschers Papa nicht früher diese Materialkombination ausgetüftelt? Dann hätten wir uns die ganze Ski-Reform erspart. Die verantwortliche FIS hat nämlich leider ein simples, sportliches Prinzip übersehen: Sport soll Spaß machen und das Gerät sollte so konzipiert werden, dass es einen in seinem Tun bestmöglich unterstützt, nicht aber behindert. Der Rückschritt bei den Riesenslalomskiern ist ungefähr so, als würde Tiger Woods gesagt werden: "Spiele mit den Schlägern aus den 90er-Jahren, auch wenn du damit 30 Meter kürzer und unpräziser schlagen wirst!"

Auffälliges Mädchen

Wir schreiben Winter 2005. Ich musste wieder einmal irgendwelchen willkürlichen FIS-Punkte-Kriterien entsprechen, um in Bormio bei der WM-Abfahrt starten zu dürfen. Als ob sich jemand freiwillig die Stelvio hinunterschmeißen würde, der nicht das nötige Können hat.

Weil es für Abfahrer kaum Trainingsmöglichkeiten gab, fuhr ich in ein wunderbar verschlafenes Tal in Kärnten. Innerkrems – drei Hotels, drei Pisten, drei Sessellifte. Die Menschen sind hilfsbereit und es macht immer wieder Freude, dort hinzufahren. Hier hat man perfekte Trainingspisten.

In Innerkrems organisierte der ÖSV eine Europacup- Damen-Abfahrt, bei der ich Vorläufer spielen durfte. Die Starterinnen bei solchen Rennen sind blutjung, und Hans Pum, damals Cheftrainer des ÖSV, ersuchte mich, seinen Mädchen bitte nicht zu nahe zu treten und mit ihnen nicht zu viel zu blödeln.

Nach der ersten Trainingsfahrt, die ich aufrecht absolviert hatte, fiel mir ein Mädchen auf, das bald nach mir gestartet war. Weil es besonders cool um die Kurven und über die Wellen raste, so, als ob ihr Körper wie durch einen Chip gesteuert immer genau diese Position einnahm, die es an dieser Stelle brauchte. Elegant, geschmeidig, mutig aber nicht verrückt und nie außer Kontrolle.

Geheim im Quartier

Wir kamen nach ihrem Lauf ins Gespräch (sorry Hans). Sie sagte, sie heiße Anna, komme aus Salzburg. Abends schlich ich mich ins Quartier der Österreicherinnen zur Video-Analyse. Ich versuchte, ihre Linie zu kopieren, ihre Haltung konnte ich bei meiner Technik und Kraft nicht exakt nachahmen. Anna war fast zu sanft für eine Abfahrerin, fast zu klein, fast zu vornehm. Doch auf ihre Weise fuhr sie allen davon.

Während ich mich nachmittags ausruhte, begaben sich Anna und ihre Kolleginnen wieder zum Training und ich sagte mir: Erfolge des ÖSV werden eben auch hart erarbeitet. Ich aber blieb meinen mexikanischen Wurzeln treu und genoss die Siesta.

Später kreuzten sich Annas und meine Wege bei WM und Olympia nur noch vorsichtig. In Vancouver saß sie traurig im Österreicherhaus, weil so gar nichts aufging und ich durfte sie ja – wie Hans Pum befahl – nicht trösten.

Am Beispiel von Fenninger wurde mir besonders bewusst, wie viel Geduld auf dem Weg zur Weltspitze erforderlich ist. Und wie sehr man sich als Spitzensportler unter Kontrolle haben muss. So war Anna immer freundlich zu Fans und erfüllte alle Autogrammwünsche – auch dann, wenn das Rennen nicht erfolgreich gelaufen war.

Als ich sie in Cortina spontan bat, ein Spiegelfoto mit meiner Stieftochter Rachele zu machen, tat sie das mit Freude und ganz locker.

Sanft, zart, erfolgreich

Spätestens seit 2014, als sie zwei Olympia-Goldmedaillen holte und als Zugabe noch Gesamtweltcupsiegerin wurde, ist mir klar geworden, dass man auch im Skisport ein sanftes zartes, sehr schönes Mädchen sein und trotzdem gewinnen kann.

Jeder einzelne Sieg von Anna wirkt nicht verbissen errungen, sondern mit Stil zu Tale gecarvt; Anna wins with style. Das sind Emotionen, die mich beeindrucken und alle Gedanken an Winning Ugly rasch verdrängen lassen.

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