Wie man Olympiasieger wird

Der, der den Kopf ausschalten kann, der befreit und locker ist, der wird Olympiasieger.

Mario Stecher | über das Medaillenrezept

Ich werde immer wieder gefragt: Wie war das eigentlich bei deinem Olympiasieg? Worauf kommt es bei einem Großereignis am Tag X an?

Ich erzähle dann immer gerne zuerst meine Geschichte des Scheiterns. Weil ich davon überzeugt bin, dass ein Sportler gewisse Erfahrungen mitgemacht haben muss, durchaus auch negative, damit er den Erfolg einfahren kann. Im Grunde geht’s, wie immer im Leben, um eines: Dass du einmal öfter aufstehst, als du hingefallen bist.

Mich hat es gleich bei meinen ersten Spielen 1994 in Lillehammer so richtig gefressen. Ich habe damals wenige Wochen zuvor als 16-jähriger Nobody am Holmenkollen gewonnen und bin mit dem Motto zu Olympia gefahren, dass ich diese Erfahrung einfach nur genießen möchte.

Zwei, drei Tage bin ich damit auch gut gefahren und im Training extrem gut gesprungen. Teilweise war ich acht Meter weiter als der Zweite. Da habe ich dann plötzlich zu spüren bekommen, was Olympia bedeutet und was es da für einen Medienrummel gibt. Die Journalisten haben mich immerzu nur auf Medaillen und den Olympia-Sieg angesprochen. Bis ich irgendwann selbst geglaubt habe, dass ich Olympiasieger werden kann.

Von dem Zeitpunkt an ist bei mir nichts mehr gegangen. Ich bin damals nicht an den Gegnern gescheitert, sondern an mir.

Und eben genau das ist die große Kunst bei einem Großereignis: Dass du dich auf dich konzentrierst und deine Leistung abrufst. Der, der den Kopf ausschalten kann, der befreit und locker ist, der wird Olympiasieger. Das klingt einfacher, als es in Wirklichkeit ist.

Mittelmaß genügt oft

Wobei die Erfahrung eines lehrt: Oft reicht bei Olympischen Spielen schon eine mittelmäßige Form, um zu gewinnen. Weil alle Sportler so unter Druck stehen und traditionell viel mehr Fehler passieren als bei normalen Wettkämpfen.

Mir ist es damals in Lillehammer sehr schwer gefallen, die Nebengeräusche auszublenden. In Wahrheit ist es ja so, dass nur du selbst und deine Familie wollen, dass genau du Olympiasieger wirst. Dem österreichischen Fan ist es völlig egal, ob jetzt der Müller oder der Maier gewinnt, Hauptsache es ist ein Österreicher.

Ich habe mehrere Großereignisse gebraucht, bis ich bereit war, mit unserer Kombinierer-Mannschaft Weltmeister und Olympiasieger zu werden. Ich glaube deshalb auch, dass sich Marcel Hirscher diesmal den Winterspielen anders nähert als 2014 bei seinen ersten Spielen. Er wirkt befreiter.

Aber einer wie er sollte seine Karriere ohnehin nicht darauf aufhängen, ob er jetzt Olympia-Gold hat oder nicht. In Wahrheit gehört immer auch Glück dazu. Es gibt viele Athleten, die nie Olympiasieger geworden sind und trotzdem Große in ihrem Sport sind. Deshalb glaube ich auch, dass er drüber stehen wird, wenn er nicht Gold holen sollte. Aber wenn ich einen Tipp abgeben dürfte: Hirscher ist jetzt bereit dafür.

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( kurier.at ) Erstellt am 06.02.2018