Meinung | Kolumnen | Gut kombiniert
08.02.2018

Lagerkoller und das Leben im Olympischen Dorf

Mario Stecher © Bild: KURIER/Gilbert Novy

Oben in Whistler lag zwei Meter hoch Schnee, unten in Vancouver war’s grün, ein super Kontrast.

Mario Stecher | über das olympische Drumherum

Zu Beginn von Olympischen Spielen ist die Neugier immer riesengroß. Da nehme ich Spiele wie die in Sotschi oder jetzt in Pyeongchang gar nicht aus, weil das Gegenden sind, in die man als Sportler normalerweise selten bis gar nicht hinkommt. Man sammelt viele neue Eindrücke. Alles ist extrem aufregend.

Gerade an den ersten Tagen, wenn man die Abläufe noch nicht so kennt und alles noch nicht richtig eingespielt ist, erlebt man manchmal kuriose Dinge. Ich erinnere mich noch gut an die Spiele 2006 in Turin, als wir einen Busfahrer aus Sizilien hatten, der sich in der Gegend hinten und vorne nicht ausgekannt hat. Am Ende mussten wir Athleten ihn zur Schanze lotsen. Das sind die lustigen Dinge.

Was den Alltag bei Olympia betrifft, muss man sich als Athlet darüber im Klaren sein, dass das manchmal auch mit Stress und Strapazen verbunden sein kann. Immer wieder Sicherheitskontrollen, auf dem Weg zur Loipe oder Schanze, natürlich auch wieder auf dem Weg zurück ins olympische Dorf. Die Tage und die Abläufe wiederholen sich zwangsläufig, das ist fast wie bei "Und täglich grüßt das Murmeltier."

Wenn dann das olympische Dorf wie vor vier Jahren in Sotschi irgendwo im Nirgendwo ist, wenn rundherum wirklich gar nichts ist, dann kann es schon passieren, dass einem die Decke irgendwann auf den Kopf fällt. Überhaupt dann, wenn etwa der erste Wettkampf nicht nach Wunsch verlaufen ist. Nicht so beim Gewinn einer Medaille zu Beginn der Spiele. Dann befindet man sich ohnehin oben auf und man nimmt alles sehr gelassen, dann kann einen nichts erschüttern.

Als Athlet kann man aber auch selbst einiges dazu beitragen, dass es erst gar nicht monoton wird oder gar zu einer Art Lagerkoller kommt. Ich habe im olympischen Dorf immer wieder die Gelegenheit genutzt, mich mit anderen Sportlern zu unterhalten. Gerade beim Essen setzte ich mich des Öfteren zu mir unbekannten Athleten anderer Nationen, um mich mit ihnen auszutauschen und ihre Geschichten anzuhören. Das ist ja auch das Faszinierende an Olympia.

2010 in Vancouver haben wir Kombinierer noch einen anderen Weg gewählt, um uns abzulenken und die Akkus wieder aufzuladen. Damals sind wir im ersten Bewerb leer ausgegangen. Kurzerhand entschieden wir, für zwei Tage aus Whistler und den Bergen abzuhauen und runter in die Stadt ans Meer zu übersiedeln. Das war herrlich und wichtig für uns: Zum einen gab’s da wieder einmal etwas anderes zu essen, zum anderen konnten wir uns dort etwas anschauen. Oben in Whistler lag zwei Meter hoch Schnee, unten in Vancouver war’s grün, ein super Kontrast.

Bei allem Ausbrechen aus dem Alltag muss eines natürlich klar sein: Du darfst nie das Wesentliche, dein Ziel, aus den Augen verlieren. Für uns Kombinierer war der Ausflug nach Vancouver damals Goldes wert. Im wahrsten Sinne. Wenig später sind wir mit der Mannschaft Olympiasieger geworden.