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25.02.2018

Die zwei Gesichter von Olympia

Meine Bilanz: PyeongChang im Rückspiegel - warum die Winterspiele wieder zurück zu den Wurzeln und nach Europa sollen.

Es sollte das Ziel und im Interesse aller sein, wieder Winterspiele in Europa zu veranstalten.

Mario Stecher | über die Zukunft von Olympia

Nach sechs Winterspielen als aktiver Sportler durfte ich in PyeongChang jetzt Olympia von einer anderen Seite kennenlernen. Es war sehr interessant, teilweise faszinierend, aber zugleich auch manchmal einigermaßen irritierend.

Wir haben hier in Korea, wenn man so will, zwei Olympische Winterspiele erlebt. Da gab es einerseits die Sportstätten in Gangneung am Meer, andererseits die Bewerbe im sogenannten Alpincluster in den Bergen rund um Alpensia. Für mich erweckte es den Eindruck zweier komplett verschiedener Welten.

Oben in den Bergen hat praktisch jeder Wettkampf vor leeren Rängen stattgefunden. Einzig und allein die Skisprung-Qualifikation war einigermaßen gut besucht. Mit der Betonung auf einigermaßen.

In den Stadien ist leider nie wirklich gute Stimmung aufgekommen, das ist nicht die Atmosphäre, die sich ein Sportler wünscht. Schon gar nicht bei Olympia. Man hat gemerkt, dass viele Koreaner mit den Sportarten, die sie da vorgesetzt bekommen haben, wenig bis gar nichts anfangen konnten.

Nur ein kleines Beispiel: Ein Atomic-Servicemann hat mir ein Video gezeigt, in dem ein Koreaner versucht hat, pantomimisch das Skifahren zu imitieren. Das war so weit weg von der Realität, vermutlich hat er das vorher noch nicht einmal gesehen. In gewisser Weise ist uns in den letzten Wochen auch vor Augen geführt worden, welche Bedeutung der Skisport global gesehen hat. Hier in Korea ist er maximal eine Randnotiz wert.

Alleinstellungsmerkmal

Andererseits finde ich diesen Aspekt für Österreich als Tourismusland sehr interessant. Denn gerade hier haben wir wieder gesehen, dass vor allem der Skisport ein erfolgreiches Alleinstellungsmerkmal von Österreich und den anderen Alpenländern ist.

Das olympische Flair habe ich nur bei meinen Ausflügen ans Meer spüren können. In den Eishallen in Gangneung war die Hölle los, da gab es Begeisterung und Enthusiasmus, bei Sportarten wie Shorttrack, Curling oder Eisschnelllauf gehen die Koreaner richtig mit. Dort habe ich mich wie bei Olympischen Spielen gefühlt.

Was mir sonst sehr positiv in Erinnerung bleiben wird, ist die Herzlichkeit der Menschen in Korea. Jeder Einzelne hat hier versucht, zu helfen und zu unterstützen – das alles trotz Sprachbarriere. Davon können sich einige etwas abschauen.

Aus sportlicher Sicht fällt mein Fazit ebenfalls sehr positiv aus. Es ist eine sehr intakte erfolgreiche Mannschaft hierher geschickt worden, das hat jeder sehen können. Wenn man jetzt noch die vielen vierten Plätze berücksichtigt, dann sind Abschneiden und Ausbeute richtig gut. Weiters finde ich auch, dass man jemanden wie Benjamin Maier positiv hervorheben sollte. Ein achter Platz in einem Sport wie Bob ist eine starke Leistung. Und schlussendlich sollte man auch nach einem vierten Platz im Teamspringen nicht gleich in Katastrophenstimmung verfallen.

Apropos Stimmung: PyeongChang waren meine siebenten Spiele, das absolute Nonplusultra bleiben aber die ersten 1994 in Lillehammer. So eine Atmosphäre habe ich danach nie mehr erlebt, und da sollte man auch irgendwann wieder hinkommen. Es sollte das Ziel und im Interesse aller sein, wieder Winterspiele in Europa zu veranstalten. Das alles natürlich nur in abgespeckter Form. Man sollte wieder dorthin gehen, wo es die verschiedenen Sportstätten schon gibt, wo man auch die Gewissheit hat, dass sie nach der Schlussfeier weiter verwendet werden.

Denn diese Vermutung habe ich hier in PyeongChang schon: Ich fürchte, dass wir in Zukunft kaum noch Bewerbe auf den Olympiaanlagen sehen werden. Und das kann – nein: das darf – eigentlich nicht im Sinne von Olympia sein.