über Buh-Rufe
03/06/2014

Rufmord

von Karl Hohenlohe

Wenn man die kritischen Stimmen mundtot machen will, müsste man die Ovationen auch verbieten.

Karl Hohenlohe | über Buh-Rufe

Kürzlich forderte eine berühmte Opernsängerin, das "Buh"-Rufen zu verbieten. Ein seltsames Ansinnen, das darauf zurückzuführen ist, dass die Künstlerin die Buh-Rufer zu ernst nimmt.

Kritiker und Lobhudeler neigen berufsmäßig zur Übertreibung. Triumph und Niederlage liegen so nahe beieinander, dass sich die Zuschauer ja oft im allerletzten Moment entscheiden.

Ein Onkel von mir besuchte in der Zwischenkriegszeit die Pariser Oper. Einer der berühmtesten Sänger seiner Zeit hatte sich angesagt, innerhalb kürzester Zeit war die Aufführung ausverkauft, und schon vor Beginn war das Publikum aufgekratzt und in rasender Stimmung.

Da öffnete sich der Vorhang, der Direktor teilte sein großes Bedauern mit, der Star wäre erkrankt, aber ein tadelloser Ersatz würde einspringen.

Der Zuschauerraum bebt vor Wut, erster Akt, zweiter Akt, Finale, der Vorhang fällt, zögernd tritt der Ersatz vor seine Richter und stellt sich dem Urteil.

Totale Stille. Nichts rührt sich im Saal, Hundertstelsekunden werden zu Sekunden und diese zu Minuten, das Schweigen brüllt, die Lautlosigkeit wechselt in Grabesstille.

Da steht irgendwo im zweiten Rang ein kleiner Bub auf und ruft zur Bühne hinunter: "Papi, du warst so wunderbar."

Noch ein, zwei Sekunden bleibt es still und dann bricht ein Applaussturm los. Nein, Beifall wie Buh-Rufe haben nicht immer direkt mit der Leistung der Künstler zu tun, und wenn man die kritischen Stimmen mundtot machen will, müsste man die Ovationen auch verbieten.

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