über einen Funken Genie
11/16/2013

Kunst-Stoffe

von Karl Hohenlohe

Ich saß auf dem Stuhl, auf dem Rilke seine „Duineser Elegien“ schuf, aber nichts geschah.

Karl Hohenlohe | über einen Funken Genie

Erst rasch, dann geradezu gemächlich streicht der Bogen über die Saiten. Wenn man die Augen schließt und die Geigentöne vernimmt, kann man exakt jene Art von Schwingungen hören, wie sie W. A. Mozart seinerzeit erzeugte. Die Originalgeige, die Herr Mozart bespielte, wurde nun von einer Gönnerin der Stiftung Mozarteum geschenkt.

Sie sieht aus wie alle Geigen. Braunes Holz, vier Saiten und oben eine Schnecke mit vier Windungen, die den Saiten im Bedarfsfall ihre spezifische Gestalt verleiht. Es ist ein Irrglaube, wen man annimmt, Mozart zu hören, aber man tut es.

Die Feder von Goethe, das weiße Gilet, wo zwischen dem dritten und vierten geöffneten Knopf Napoleon gerne seine Hand ruhen ließ, die Brille des Mahatma, die Brille von Franz Schubert, die Brille von John Lennon sind uns heilig.

Ihr Anblick versetzt uns in eine andere Zeit, beschwört Bilder von Schlachten und vom Frieden, ruft uns den schönen Werther und die junge Müllerin – nein umgekehrt – ins Gedächtnis und entreißt uns dem Jetzt.

Ich weiß nicht, ob es eine Überhöhung von heilig gibt, wenn aber, dann ist die Geige von Mozart ein Synonym dafür. Sie hat ihm gehört und er hat sie gespielt.

Was fasziniert uns an den profanen Reliquien? Vielleicht glauben wir, dass bei ihrem Anblick ein Funken vom Genie auf uns überspringt und deswegen Stefan Zweig der Schreibtisch von Beethoven und Erwin Ringel der Abschiedsbrief des Dichters gehörte.

Ich saß einmal minutenlang auf dem Stuhl, auf dem Rilke seine „Duineser Elegien“ schuf, aber nichts geschah.

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