Meinung | Kolumnen | GesMBH
09.03.2014

Krabbelstube

Der Wurm war in bester Gesellschaft.

Karl Hohenlohe | über Insekten

Er war ein Wurm unter Würmern.

Gerade noch hatte er sich am Mehl ergötzt, da wurde er tiefgekühlt, getrocknet und in ein Säckchen bugsiert. Dort lag der Wurm, Wochen vergingen, plötzlich wurde das Säckchen geöffnet, der Wurm in eine Schale geschüttet und ein Licht ging an.

Nicht irgendein Licht – das Seitenblicke-Licht hatte Besitz von dem Wurm genommen, er wurde von allen Seiten befilmt und wäre er nicht tot gewesen, er hätte in die Kamera gelächelt oder einem andern Wurm zugeprostet.

Der Wurm war in bester Gesellschaft, ringsum allerlei Gefriergetrocknetes von der Heuschrecke bis hin zur aromatischen Ameise. Gemeinsam war man den Weg vom Insekt zum Snack gegangen, bald schon würde man hier auf dieser Gourmetmagazin-Präsentation verspeist und es waren nicht wenige unter den Gefriergetrockneten, die inständig hofften, wenn schon verspeist, dann von einem Prominenten.

Auf der Seite der Berühmtheiten machte sich Panik breit, keiner wollte seine Zähne freiwillig in den Heuschreckenkörper schlagen, die Ameisen zerkauen, geschweige denn, sich den Wurm auf der Zunge zergehen lassen. Aber es war die unbarmherzige Seitenblicke-Kamera da, und so schritt man widerwillig zur Tat.

Mit allergrößter Genugtuung, sichtlichem Wohlgefallen und schierer Begeisterung wurde der Wurm verspeist und gerade, als er sich in den Schlund verabschiedete, überlegte er, ob das Lächeln seines prominenten Verzehrers nicht doch ein ganz klein wenig übertrieben ausgefallen war.